Was erwartet mich in der Unendlichkeit? Sagen wir, sie beginnt hier, an einem gewöhnlichen Ort inmitten der Menschen, umgeben von Straßen und Gebäuden, Ampeln, Fahrzeugen und Zebrastreifen, zu einer gewöhnlichen Zeit, sagen wir Mittags im Juli, die Sonne brennt, reflektiert auf den vielen Fenstern der Stadt und das Licht strömt in jede Gasse und in jedem Gesicht läuft der Schweiß. Wenn hier also die Unendlichkeit beginnt, sagen wir, für einen gewöhnlichen Mann, Mitte zwanzig, angezogen wie die meisten, die Haarfarbe etwas heller als die meisten, seine Gangart von den anderen nicht zu unterscheiden, wie würde er reagieren, wenn die Unendlichkeit plötzlich vor ihm liegt, als Tor im Boden, sagen wir, in der Mitte des Bürgersteiges, keiner kann es sehen, nur dieser junge Mann, was würde passieren? Er bleibt stehen und wartet, und schaut, und überlegt. Es ist die Unendlichkeit, keine Frage, und doch zögert er, während die Wärme des Sommertages in seinen Nacken stiert und sich ein betäubendes Gefühl in seinem Körperinneren wie etwas von Außen nach Innen getragenem festsetzt. Gleich muss er zurück ins Büro, zu den anderen, die schwitzend vor den Bildschirmen sitzen und gerade noch den Rest getrockneter Spaghetti aus der Lunchbox zu sich nehmen, mit einem nichtssagenden Gesicht, keine Regung, keine Deutung möglich. Das Loch auf dem Bürgersteig glänzt und leuchtet, es ist nicht tief, es ist nicht dunkel, es ist nicht furchterregend, nur ein kleiner Schritt wäre nötig, und der junge Mann wäre in der Unendlichkeit angekommen; eine solche, die kaum jemand sehen kann, an der die meisten Menschen auf der Straße vorbeigehen, ohne zu bemerken, dass ihnen das Tor ebenfalls offensteht, doch da sie ihre Gedanken auf eine andere Sache lenken, etwas viel Banaleres als die Unendlichkeit, sagen wir, die zu fertigstellende Excel-Tabelle oder das Feedback vom Chef zur letzten Präsentation, können sie es auch nicht sehen. Still stehend und grübelnd, ob dieser Schritt nicht zu gewagt sei, immerhin kennt der junge Mann niemanden, der diesen Schritt getan hat und der ihm davon erzählen könnte, und auch auf Google gibt es keine Erfahrungsberichte der Unendlichkeit, rennt die Zeit dahin, in Form von Menschen, die an ihm wie Ameisen vorbeischwirren, in der Form der Sonnenreflektionen, die höher und höher von Fenster zu Fenster krabbeln, bis sie gegen Abend in den Häuserfassaden verschwinden. Im selben Augenblick jedoch steht die Zeit auch still wie die Fassade des jungen Mannes, während es in ihm laut und voller Chaos ist, wie konnte das sein, wieso war ein einzelner Schritt so schwierig zu gehen, es ist doch die Unendlichkeit! Minuten vergehen, es ist schon lustig mit anzusehen, wie er da angewurzelt steht und nicht ins Tor der Unendlichkeit tritt. Weniger werden die Passanten, weniger wird der Verkehr, die Menschen ziehen sich zurück in die Arbeit, ehe, kurz vor zwei am Mittag, der junge Mann alleine auf diesem einen Bürgersteig steht, zur Linken eine riesige Häuserwand, zur rechten die breite Straße, dahinter eine weitere Wand aus Häusern, und vor ihm, das Tor zur Unendlichkeit, nur ein Loch, nicht tief, nicht dunkel, nur ein Schritt, und er wäre in ihr. Als es schon fast zu spät ist, das Tor im Boden zieht sich zusammen, das Blinken und Leuchten wird weniger hell und nimmt ab, trifft der junge Mann eine Entscheidung. Er kehrt der Unendlichkeit den Rücken zu und geht. Nicht ahnend, dass ihn diese Entscheidung ein Leben lang verfolgen wird.

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(c) Simon Prades

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

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