Gekündigt

Ruhig geworden auf meinem Blog. So oder so ähnlich beginnen viele Einträge ehemals aktiver Blogger, die seit langem nichts mehr veröffentlicht haben und nun einen Artikel über die Gründe dieser Auszeit schreiben wollen. Ich möchte aber nicht über die Zeit schreiben, in der ich hier nichts veröffentlicht habe, sondern über das, was kommt, und das, was ich in den Hochphasen meines Blogs schrieb, 2016, 2015.

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(c) Jim Kopf

Teil 1: Das, was kommt.

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass ich gekündigt habe. Zum ersten Mai bin ich nicht mehr in der Werbeagentur angestellt. Dafür aber geht ein Flug nach Chile, und von dort lasse ich mich treiben. Zusammen, mit ihr. Wollen raus in die Natur, die Berge sehen, das Weiß auf den Spitzen, das Grau und Steinige, wenn man auf ihnen wandert. Flüsse, das Meer, das Wasser in allen Nuancen des Blaus. Wälder, tropisch und tiefgrün und Tiere, die sich darin offenbaren. Wollen Familien vor Ort helfen, auf Farmen, Brauereien, Ökoanlagen, im Austausch einer kostenfreien Schlafgelegenheit. Vielleicht nach Bolivien, vielleicht nach Peru, weiter hoch, Costa Rica, Mexiko, und tauchen wir auch im türkisklaren Wasser der Bahamas?, vielleicht, und irgendwann soll es rau und frisch werden, Island, Färöer Inseln und Grönland, das wäre fantastisch.

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(c) Jim Kopf

Meine Idee davon ist kein Adrenalinkick, bei dem in möglichst kurzen Abständen möglichst viele Naturwunder folgen. Ich habe das Gefühl, so eine Art des Reisens könnte zu Verschleiß führen, oh, noch ein Berg, und oh, noch ein Wasserfall. Eher sieht sich meine Vorstellung in einem gemächlicheren Tempo. Tage, die bei Locals dahinziehen, mal am Strand mit Lagerfeuer, mal im Garten und guten Geschichten, im Schatten der angrenzenden Wildnis. Erfahrungen auf der Tragefläche eines Trucks beim Trampen oder zu Fuß, anstatt das meiste, sprich, die wirklichen Erfahrungen, die nicht im Angesicht eines von der Natur geschaffenen Prachtanblicks entstehen, eher das Davor und Danach, das Zwischenmenschliche, etwas, von dem man im selben Augenblick noch gar nicht weiß, dass es eine wichtige Erfahrung war, auf Kurzstreckenflügen zu verpassen.

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(c) Jim Kopf

Ebenso möchte ich mich vom inneren Drang distanzieren, möglichst viel auf Video zu konservieren, alles totzufotografieren, Website, Instagram, Panoramen verkaufen?, na klar, Stories jeden Tag, ein Häppchen hier, ein Häppchen da. Vermutlich ist es naiv und eine Fantasie der Romantik, und dennoch: Dazusitzen und zu versuchen, Anblicke und Erfahrungen geschehen zu lassen, ohne dauernd dazwischenzutreten, handelnd, mit dem Auslöser als besten Freund. Und stell dir vor, da ist dieses kleine Notizbuch, in das ich das Gefühl hineinschreibe, wie es ist, in der Atacama-Wüste auf 5000 Metern hunderte Kilometer Sand und Hitze zu spüren, oder an einer Küste der Färöer Inseln zu sitzen, der Ozean brandet wuchtig, das Rauschen betörend, die Farben Grün und Blau.

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(c) Jim Kopf

Da mich das Fotografieren erfüllt, und das Filmen, wird es ganz ohne nicht gehen, und es liegt wohl an der Schnelllebigkeit des menschlichen Geistes, der Ideen schneller verwerfen kann als er sie geplant hat, dass für nichts garantiert werden kann, und ich fürchte mich davor, an einem beliebigen Tag nach der Reise vor dem Rechner zu sitzen und durch vierzehntausend Fotos zu scrollen, aber nicht ein Gefühl von dem jungen Mann auf dem Bild heraufbeschwören zu können.

Gefühle konversieren, wenn’s nur so einfach wäre. Ein Versuch aber ist es wert.

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(c) Jim Kopf

Teil 2: Das, was war.

Wenn du den Blog schon länger verfolgst, weißt du, wie sehr ich mich nach Natur und Wildnis, also Freiheit sehne. Der junge Mann, der diesen Blog startete, sah überall Grenzen, die vielen Menschen auf den Straßen, die trostlosen Industrieanlagen, tausende Autos, hunderttausende Gebäude, so viele, dass man den Horizont nicht sehen kann, von keinem Punkt der Stadt. Da war der Zwang, zur Universität gehen zu müssen und der Zwang, gleichzeitig die Lehre zu absolvieren, während im tiefsten Inneren meiner Seele alles dagegen ankämpfte. Wollte frei sein. Wollte weg.

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(c) Jim Kopf

Freiheit bedeutete für mich, am Ende der Welt in Einsamkeit zu schreiben, von der Natur zu zehren und das Geschriebene von ihr formen zu lassen. Unbestritten gibt es eine Gewalt in ihr, eine Macht, die das, was ich schreibe, wenn ich mich in ihr befinde, deutlich in Dimensionen bringt, die mir als Schreiberling im Stadtkern unmöglich erscheint. Das Höhere entsteht, oder zumindest, es kann entstehen.

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(c) Jim Kopf

Ich beförderte mich so tief in diese Sehnsucht, woanders, nur nicht hier, dass ich einen großen Kampf mit der Realität austrug. Viele meiner Blogeinträge zeugen davon, ein Student auf dem grauen Pflaster der Stadt, er sieht das Sinnentleerte, sieht Zweifel und irgendwie Hass in jedem Blick. Und doch, ich machte weiter, auch, weil die Sehnsucht keine richtige Alternative war; ohne Ausbildung, ohne Studium einfach abzuhauen, das war mir zu riskant. Oder ich war zu feige.

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(c) Jim Kopf

Es verging kein Tag, an dem ich mich nicht nach dem Sinn fragte, was ich hier eigentlich tue. Nichts vom Tag erfüllte mich, kaum ein Tag sah Licht. Das Nichterfüllte war mein Wegbegleiter, und ich sah mich in den dunklen Fangarmen der Melancholie gefangen. Oh, er hat die Melancholie. Vor nicht allzu vielen Jahrhunderten ging man hier noch von einer Krankheit aus, ein Virus, eine Pest. Und es ist wahr, es ist verdammt schwierig, sich von ihr zu lösen, und an irgendeinem Punkt möchte man das auch gar nicht, weil man die Gedankengänge, die in ihrer Dunkelheit entstehen, zu schätzen lernt. Tatsächlich waren viele wertvolle Gedanken dabei, die mich reifen ließen. Nur ob die Richtung, in der die Reife ging, Glück bringen würde, war schwer absehbar.

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(c) Jim Kopf

Teil 3: Okay, der war nicht geplant, aber er behandelt die Gegenwart.

Im gegenwärtigen Leben hat sich ein großer Wandel vollzogen. Mit Sicherheit hat dieser auch mit ihr zu tun, die mich stets mit einem großen Lächeln begrüßt und die Freude in Person ist. Durch sie wurde ich zu jemanden, der kaum noch Frieden in der Einsamkeit findet, in Momenten, in denen ich mich abschotte, oder mein eigenes Ding mache. Beinahe scheint es, das Glück sei bei ihr, und je weiter ich mich von ihr entferne, desto unerreichbarer erscheint auch die Möglichkeit, in eigener Zufriedenheit zu leben.

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Doch viel geht darüber hinaus, vieles geschieht, wenn sie keinen Zugang zu mir hat. Und das ist eben auch ein Großteil der Job, in dem ich mich befinde. Kaum zu glauben, dass ich mich überhaupt in ihm befinde. Dreieinhalb Jahre Duales Studium, dreieinhalb Jahre Pläne schmieden für das Danach. Alles verworfen, als das Angebot zur Übernahme kam. Arbeite doch erst einmal ein Jahr, sagen sie, und es ist der derselbe Wortlaut, der sagt, mach doch erst einmal deine Lehre, mach doch erst einmal dein Abitur. Theorien besagen, das Feste und Starre dieses Weges ist wie ein Virus für das kreative Geschöpf, das in einem lebt, es hält es im Schatten des Möglichen, darf blitzen, aber nicht leuchten. Ich glaube an diese Theorie, während mein Handeln das Gegenteil bezeugte.

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(c) Jim Kopf

Zugegebenermaßen war das Jahr im Job deutlich besser als die Lehrjahre. Beinahe hätte man meinen können, der junge Mann dort am Schreibtisch geht darin auf, er entwirft und plant, organisiert und initiiert, ein Problemlöser und Vorangehender. Ohne Zweifel, ich habe Talent darin, und wäre die Kündigung nicht ein Bruch dessen, stünde eventuell sogar der nächste Jobtitel an. Gleichzeitig habe ich aber auch Talent darin, für einige Stunden, manchmal acht, neun, manchmal zehn oder elf Stunden meinen Kern zu verbergen, die Person, die ich wirklich bin, weil das Insichgekehrte im Job keinen Platz findet. Das Konstrukt des Arbeitsplatzes lässt es einfach nicht zu, so zu sein, wie man ist. Und dies ist der Grund, warum da größtenteils ein überaus selbstbewusster Mann zur Arbeit ging, der genau wusste, dass das, was er tat, gut war, und dass das, was er tat, kaum etwas mit seinen Wünschen und Träumen zu tun hat.

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(c) Jim Kopf

Ist dies nicht genau das, was einen kaputt macht? Oder sollte man sich darüber freuen, dass es diesen Schalter überhaupt gibt, um erfolgreich zu sein, Geld zu verdienen, irgendwann ein tolles, großes Haus zu besitzen, mit Garten und Hunden, die darin herumtollen. Am See, bevorzugt.

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Schwierig zu beantworten. Weiterhin träume ich davon, Bücher zu schreiben, die von der ganzen Welt gelesen werden, und eben davon zu lesen. Ob ich darin Talent habe, weiß ich nicht, und Talent ist auch nicht alles, es ist ein langer Prozess, ein Leidensweg, in dem vieles gegen das Schreiben untergeordnet werden muss. Und das Schwierigste ist, diesen Traum gegen das Talent unterzuordnen, das tatsächlich schon im Job bestätigt wurde. Angebote anderer Unternehmen fliegen ins Postfach, und da stehen tolle Gehaltspakete. Kann man das einfach so ignorieren? Gibt es keinen Mittelweg?

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(c) Jim Kopf

Nein, einen Mittelweg gibt es nicht. Nach der Arbeit sich an den Schreibtisch zu setzen, nachdem man sowieso schon zehn Stunden am Bildschirm saß, das ist fast unmöglich. Ganz zu schweigen von den Beziehungen, die man pflegt und die daran leiden.

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(c) Jim Kopf

Und so gilt es für die Reise nach der Reise, zu bestimmen, welcher Weg zu gehen ist, um glücklich zu sein. Vierzehntausend Fotos durchzuwühlen und zu bearbeiten ist ein Anfang, so kann die Reise verlängert werden, weil ich mich weiterhin mit ihr beschäftige, aber am Ende muss etwas daraus entstehen, und vielleicht ist das ein neues Buch, vielleicht ist das etwas Selbstständiges, vielleicht ist es aber auch die Einsicht, einen ganz regulären Job annehmen zu müssen. Zurück zum Bahnhof, wo alles begann und es scheinbar nie endet.

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(c) Jim Kopf

An dieser Stelle bedanke ich mich fürs Lesen. Und fürs Begleiten in den letzten Jahren, es hat mir immer sehr viel bedeutet, wiederkehrende Leser hier zu sehen, und jeder Kommentar war immer wie ein Trostpflaster, hier sind Menschen, die mich verstehen. Danke dafür.

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(c) Jim Kopf

Es geht voran, sagt mein Gefühl. Job gekündigt, das ist ein Beginn, ein Neuanfang. Ob es damit endet, mich im Job wiederzufinden, oder damit, ein Buch herauszubringen, das eine Welt in sich aufnimmt, ist eine zu große Frage, um sie zu beantworten. Eine Frage des Lichts, dem ich nun ins Unbekannte folge.

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(c) Jim Kopf

Bis bald,

euer Jim

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

18 Kommentare

  1. Lieber Jim, es ist ein weg, den du gehen musst und er wird dich ein stück weiterbringen auf dem Lebensweg, der der deine ist und ich hoffe sehr, dich auf dem Weg mit deinen Worten und Bildern begleiten zu dürfen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich hoffe es auch, dass dieser Weg mich weiterbringen wird. Danke Paleica, das ist wie immer sehr schön, deine Worte lesen zu dürfen. Vielleicht steht am Ende ja etwas zu Ende gebrachtes, dass Worte und Bilder kombiniert 🙂

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  2. Wieder erinnerst du mich an Alexander Supertramp. Nur mit Zweifeln.
    Erstmal wünsche ich euch ganz viel Spaß bei eurer Reise! (Lasst euch von meinen Alitalia-Horrorgeschichten nicht abschrecken!) Genießt die schönen Augenblicke!
    Und was danach ist, wird sich schon noch zeigen. Es ist nicht immer alles so schwarz/weiß wie deine Fotos in diesem Beitrag!
    Liebe Grüße

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    1. Ein Vergleich, den ich sehr mag, ist immerhin mein Lieblingsfilm 🙂 Und vielen Dank, das ist lieb von dir. Wir werden alles aufsaugen und was danach kommt, das wird eine große Überraschung, die hoffentlich nicht mit allzu vielen Zweifeln einhergeht.

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  3. Siehst du? Es ist immer alles in Bewegung, wenn wir es zulassen. 😉
    Türen gehen auf und manche gehen zu, wir schlüpfen durch die eine und lassen dafür eine andere links liegen. Und wohin es uns letztlich führt: wir wissen es vorher nicht.
    Mir scheint, du machst es genau richtig. Dein Weg, dein Leben. Folge deiner inneren Stimme und lausche ihr weiter. Gut so. Ich wünsche dir und euch eine erfahrungsreiche, lebendige Zeit voll mit Eindrücken und Momenten, die verbinden. Mit sich, mit dem Leben, miteinander. Viel Glück.
    Und ich bin trotzdem gespannt. Auf Bilder. Dann und wann. Vielleicht 😉
    All the Best, Andrea

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    1. Das hast du schön gesagt, Andrea, ich freue mich über solche Worte sehr; bestätigt mein Gefühl auch irgendwo, dass ich tatsächlich das Richtige tue, und etwas zulasse, um voranzukommen. Dankeschön!

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  4. Jim, du machst das gut! Kennst du das Lied von Gerhard Schöne :ganz einfach? Hör da mal rein. Und dann reise. Reise einfach. Und was danach kommt, kommt danach. Und ganz sicher aus der Reise hervor. Alles wird gut. Denn alles ist schon gut. Du machst das gut. Bis bald, Summer 🙂

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    1. Dankeschön Summer, ich freue mich sehr dass du auch diesen Beitrag von mir gelesen hast. Ich werde es versuchen, einfach zu reisen, ohne viel nachzudenken, was danach kommen könnte. Danke für deine Worte! Bis bald 🙂

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  5. Wow, ich bin beeindruckt, was für einen offenen und ehrlichen Blogbeitrag du hier geschrieben hast! Lässt sich sehr schön lesen und ich wünsche Dir bei deinem weiteren Werdegang viel Erfolg.

    LG von einem dualen Studenten😄

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