Eine Ode an Noise Cancelling – Kopfhörer

Starbucks. 17:30 Uhr. Ein kleiner, kreisrunder Tisch ist noch frei, ganz hinten an der Wand. So viele Menschen. Freundinnen, zu zweit, zu dritt, zu viert. Sie plaudern ausgelassen, sie lachen, sie gehen völlig in der Gruppe auf. Pärchen, erste Dates und lange Beziehungen, die einen sehr neugierig, die anderen suchen den Raum nach einem Gesprächsthema ab und heben die Kaffeetasse öfters als ihnen lieb ist. Lautes Porzellan, das durch den Raum hallt, wenn der große Cappuccino etwas unsanft wieder auf dem Tisch abgestellt wird. Knirschen und Knacken von der Theke, wo ein nettes Lächeln zart duftenden Kaffee kreiert und serviert. Und Menschen, die alleine an ihren Tischen sitzen, so wie ich, den Laptop aufklappen, in der Hoffnung, etwas ganz Konkretes sehr produktiv erledigen zu können.

Und dann krame ich meine Kopfhörer aus dem Rucksack. Ziehe am bronze-goldenen Reißverschluss, öffne die schwarze Schale, hebe den Bügel und schalte ihn an. Lege sie über meine Ohren, over-ear. Drücke auf einen Knopf um unteren linken Rand der Muschel, eine weibliche, sanfte Frauenstimmer ertönt.

Noise Cancelling on.

Eine Dämpfung erscheint. Es ist, als wird eine Welt ausgeschlossen, und es findet sich die Tür zu einer neuen Welt.

Öffne Spotify, wähle Max Richters Soundtrack zu „L’amica geniale – My Brilliant Friend“. Ein Klavier ertönt.

Im nächsten Moment löst sich etwas. Es ist der Körper, der sich löst. Nunmehr bin ich kein Mensch, der auf einem kargen Holzstuhl am kreisrunden Holztisch sitzt, sondern eine Idee, eine Vision der neuen Welt, in der ich mich jetzt befinde. Der Laptop ist aufgeklappt, ich schaue auf das leere Word-Sheet und die schwarzen Mac Book – Tasten. Sie sagen etwas, während die Melodie ihre Geschichte erzählt, sie öffnen sich und ziehen mich hinein, in einen Drang, etwas zu schaffen, das den Moment beschreibt, der so wundervoll anders ist als alles Physische der eigentlichen Welt.

Ja, kaum ein Ton dringt hindurch. Meine Welt ist die der Musik, ist die des Klaviers, der Geige, des Orchesters, das mich durch einen Ort begleitet, an dem ich bisher noch nicht war. Beinahe scheint es, als träume ich, als wären die Augen, die irgendwie ganz nah aber doch sehr weit entfernt durch den Raum gleiten, geschlossen, und als wäre das, was man sieht, eher eine Vorstellung, eine Idee, eine Vision.

Ein Ort des Friedens.

Jegliches Geräusch ist fort. Ich höre nicht, was die Menschen im Raum sagen, ich höre nicht, was die Nachrichten vermelden, ich höre nicht, was in den sozialen Medien umherschwirrt. All das, so weit entfernt.

Nur ich, und meine Noise Cancelling – Kopfhörer. Ich schweife dahin, die Augen zwar auf, aber doch irgendwie geschlossen, tippe auf die schwarzen Tasten, es erscheinen Buchstaben und Wörter und Sätze, und ich fühle mich frei, ja, ich fühle mich sehr frei und sehr wohl.

Gleichmäßige Wellen, ein Meeresrauschen. Ein Nachthimmel voller Sterne. Eine Hand, die durch das hüfthohe Feld streicht.

Dabei entsteht ein Wunsch, eine Sehnsucht. Dass die Welt außerhalb meiner Kopfhörer friedlicher wird, ohh, ich sehne mich nach so viel mehr Frieden auf dieser Welt. Gäbe es doch nur die Möglichkeit, denselben Frieden auf die Welt zu legen, wie einen Teppich aus Harmonie und Glück, wie das Licht, das mich in jenen Momenten erfüllt, in denen ich mit meinen Noise Cancelling – Kopfhörern davonschwebe.

Ohh, ja, würde doch jeder von diesem Licht erfüllt werden, wie könnte es dann noch Hass geben in unserer Welt?

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Photo by Ross Sneddon on Unsplash

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

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