Falls du dich einsam fühlst

Falls du dich in den nächsten Wochen einsam fühlst, solltest du wissen, dass ich an dich glaube. Wer bin ich, dass ich an dich glauben kann, wir kennen uns nicht. Und doch glaube ich an dich, weil ich dich spüre. Durch meine eigene Einsamkeit.

Einsamkeit ist Lethargie. Es ist das am Fenster stehen und nach draußen in den Garten des Nachbarn schauen, oder auf das Reihenhaus gegenüber, und sich fragen, ob du irgendjemanden irgendwann wieder sehen wirst. Es ist das Aufwachen am Morgen, und das Fragen nach Sinn in den kommenden Stunden, in denen du alleine in der Wohnung deinen seltsam banalen Aufgaben nachgehst und im Anschluss vom Schreibtisch auf die Couch fällst, und dich dort niemand auffängt. Es ist das Rauchen einer Zigarette am geöffneten Badezimmerfenster, wenn es auf den Balkon regnet und das Rauchen die Erinnerung an das Gemeinsam-Sein aus jenen Momenten wieder herholen soll, als man zusammen lachte, zusammen kochte, sich zusammen fragte, ob es etwas Gemeinsames zu unternehmen gibt. Einsamkeit ist das Hören melancholischer Musik, und das Fallenlassen in diesen Abgrund aus Tönen, Stimmen und Zärtlichkeit, nach der man sich so sehr sehnt, als sei die Musik ein Mensch, der gerade bei dir ist, der dir zuhört, dich umarmt, und dann nach dem Abschalten fort ist, als sei er nie dagewesen.

Einsamkeit geschieht im Kopf. Unser Kopf ist der Ort, durch den die Einsamkeit spaziert, und seinen schwarzen Schleier auf die schönen Farben der möglichen Gedanken wirft. Da sind Häuser in deinen Gedanken, darin sind Chancen, die Einsamkeit zu besiegen, aber wer geht schon hinaus, wenn er Angst hat vor dem, was vor den Türen durch die Straßen irrt wie ein wildes Tier, das sich verlaufen hat.

Oft braucht es nicht einmal das wilde Tier vor der Haustür, um Angst zu haben. Da sind Nachrichten, die man sich vorstellt, die da so schmerzlich sind, dass sie nicht bewältigt werden können. Es ist ein immer wiederkehrender Showdown des Antagonisten mit dieser sanften imaginären Schutzmauer um dich herum. Tägtäglich, manchmal mehrmals stündlich, in Salven, in Stichen, in Belastung, bis aus erdachtem Schmerz und dem alleinigen Nichtvermögen, dem etwas entgegenzusetzen, ein physischer wird.

Manchmal ist unsere Brust eben nur die pechschwarze Lackierung im heißgelben Sonnenlicht. Jeder Strahl sammelt sich dort, es wird heißer, es wird drückender. Wie kann die Sonne so schön scheinen an einsamen Tagen wie diesen?

Und das ist doch irgendwie gerade das Problem, dass jetzt Einsamkeit erzwungen wird, ein vorübergehender Sieg des Bösewichts, eine Einschränkung, mit der nur die Starken klarkommen, und nein, dies hat nichts mit Muskelstärke zu tun, nichts damit, wie oft man in letzter Zeit joggen war und wie oft man auf die Kippe am geöffneten Badezimmerfenster verzichtet hat.

Wird einer einsamen Seele alle Zeit der Welt gegeben, ein Drei-Gänge-Menü der Einsamkeit zu verzehren, sie würde keinen Bissen hinunterbekommen. Weil sich Einsamkeit zeitlos anfühlt, weil sich die Ahnung zementiert hat, nach drei Gängen Einsamkeit folge der nächste Gang, den man alleine zu bewältigen hat. Weil Hoffnung in der Einsamkeit ein Scherz ist, der von Menschen kommt, die Einsamkeit nicht verstehen, oder sich in einer Situation befinden, in der Einsamkeit nicht mehr als eine schwache Erinnerung ist.

Oh, wie glücklich und rar diese Menschen wohl sind.

Einsamkeit kann in den ersten Minuten nach dem Weckerklingeln am schlimmsten sein, und am Abend vor dem Schlafengehen. Und dazwischen. Sie brandet an deine Küste, manchmal in sehr großen Wellen, manchmal in kleinen, gemeinen Wellen, und wie sehr wünscht du dir, du seihst wie die Küsten Irlands, wuchtig und stark, damit dir die scheinbar nie enden wollende Ankunft der Einsamkeit nichts ausmacht.

Einsame Gedanken sind Ankünfte wilder Tiere, vor denen man am liebsten die Türen, Fenster und Augen verschließen möchte, doch das geht nicht, weil sie bereits ungefragt eingetreten sind, von jetzt auf gleich, wie konnte das so schnell passieren? In uns kämpfen hoffende und einsame Gedanken gegeneinander, und man selbst, als Körper, der hilflos zu- und auf das Reihenhaus gegenüber schaut, muss nach jedem verlorenen Kampf ein Stück seiner Hoffnung abgeben.

Oh, nicht ansatzweise können diese Worte die unendliche Fülle an Gefühlen beschreiben, von der die Einsamkeit ein ächzendes Lied singt, diesen neuen Ohrwurm, den dir jeder Gedanke aufs Neue in den Kopf flüstert.

Um zu wissen, dass Einsamkeit vorübergeht, bedarf es einer inneren Ausgeglichenheit. Viele von uns werden mit dieser nun konfrontiert, und viele von uns werden seit Jahren damit konfrontiert. In diesen Zeiten wird man sich der Einsamkeit stellen müssen, so wenig man möchte, so sehr man muss, und herausfinden, wie die Balance aufrechterhalten werden kann.

Vielleicht indem man sich bewusst macht, dass jeder einsame Stich in der Brust ein Funken der Gemeinsamkeit mit einer anderen einsamen Seele ist. Dass Belastung ein Kollektiv ist, wie ein Geldbeutel, der an jeder Wohnung Halt macht und die Gabe zum Empfänger trägt, der du bist, mit all deinen Sorgen und Ängsten und einsamen Gedanken. Der Schmerz, den du spürst, ist derselbe Schmerz, den Menschen im Reihenhaus gegenüber spüren, solche, die dich nicht sehen können, und selbst nicht gesehen werden. Es ist derselbe Schmerz, den deine Familie spürt, wann immer sie an dich denkt. Derselbe Schmerz deiner Liebe für eine Person, von der du gerade nicht weißt, wie es ihr wirklich geht.

Ja, ist es kein schöner Glaube, die Einsamkeit, in all seiner psychischen und physikalischen Wucht auf deinen zarten Körper und deine zarte Seele, sei eine Hand, die dir gereicht wird, um dir auf einem Weg, der mit den bloßen Augen nicht erkannt werden kann, zu sagen, dass du nicht alleine bist? Dass du gefühlt wirst, von Menschen, die in dieser Situation dasselbe Leid der Einsamkeit verspüren, mit all seiner Angst um die Geliebten, mit all dieser erzwungenen Abgeschiedenheit!

Also, ich will, dass du weißt, falls du dich einsam fühlst, dass ich an dich glaube. An deine Kraft, das Gemeinsame in der Einsamkeit zu spüren, wann immer du glaubst, dass du der Einsamkeit und der Angst nichts entgegenzusetzen hast. Denn glaube mir, deine Einsamkeit ist die meine, und zusammen werden wir die Stiche und Schmerzen aushalten, bis wir der so schön scheinenden Sonne wieder vertrauen können.

13 Kommentare

  1. Sehr gerne 🙂
    Ich habe längers überlegt, weil es nicht blöd klingen soll, aber es ist schön zu wissen, dass man mit solchen Gedanken und Gefühlen nicht allein ist. Bei dir klingt das ehrlich und aufrichtig was du schreibst und das finde ich in der heutigen Zeit, in der es oft nur darum geht, anderen nichts preiszugeben und Dinge zu erfinden, um ihnen zu gefallen, mal als Abwechslung wirklich schön 🙂
    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Das freut mich sehr, dass du dich damit identifizieren kannst und die Ehrlichkeit daran schätzt, denn darum geht es, seine eigene innere Welt zu erklären und dann jemanden zu finden, dem es ähnlich geht.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: