Ein Tag im April 2015

2017, ich unterhielt mich mit einer Person, die über ihren Großvater sprach, nachdem dieser verstorben war, über all die schönen Dinge, die ihn zu Lebzeiten ausmachten. Während sie sich zurückerinnerte, war es unmöglich, ihr zuzuhören, weil ich an meinen eigenen Großvater dachte.

Woran konnte ich mich erinnern?

An den frischen Duft des Krankenzimmers, den glänzenden Parkettboden, die roten, halb geschlossenen Gardinen, durch die das Licht der Sonne fiel. Der Raum war sehr hell und mit viel Sonnenlicht gefüllt. Großvater lag dort auf seinem Krankenbett, an zahlreiche Geräte angeschlossen, überall Kabel und Leitungen, das Piepsen der Herzfrequenz, die jeden Moment zum Stillstand kommen konnte, die kratzenden Geräusche der anderen Messgeräte. Seine Augen waren geschlossen, nicht ganz und auch nicht friedlich, ein kleiner Spalt lag offen, die Pupille war weiß, wie bei einem Blinden, seine Augen waren leer, sein Herz schlug, schwach ausklingend, aber rasend schnell, über 140 Mal pro Minute. An der Halsschlagader war ein Loch, durch das ein Rohr in sein Inneres führte, dort hatte er eine Blutung gehabt, es sah aus, als hätte sich das Blut über sein Nachthemd ergossen und nur die Blässe auf seiner Haut zurückgelassen, lauter blaue und rote Adern, die sein ermattetes Antlitz zierten. Er sah furchtbar aus, es war das Schlimmste, das ich in meinem ganzen Leben je gesehen hatte. Ich weinte bitterlich, konnte es nicht kontrollieren, der Anblick erschütterte mich bis auf die Knochen, ich zitterte und weinte, verlor völlig die Kontrolle über mich, nahm seine Hand, bitte Opa, wach auf, du schaffst das, hörst du, ich bin hier, bei dir. Ich hielt seine Hand, strich über die kranke Haut und die hart hervorstehenden Fingerknöchel, und betete zu Gott. Lass ihn nicht sterben. Ich weiß, ich habe mich lange nicht bei dir gemeldet. Aber ich habe nur diese eine Bitte. Lass ihn nicht sterben.

Eine Woche später war Großvater tot.

Ich wusste, dass es nur logisch war, er starb, weil er nicht gegen den Tod ankämpfte. Dagegen war Gott, zu dem ich kein wirkliches Verhältnis hatte und nur in den hilflosesten Situationen sprach, machtlos. Großvater hatte schon weit früher aufgegeben, und das, obwohl es keinen wirklichen Grund dafür gab. Nie war er krank, nie war er im Krankenhaus. Doch wenn ich ihn fragte, wie es ihm geht, antwortete er, mir geht es gut, aber es geht dem Ende entgegen. Das sagte er, während Großmutter neben ihm stand. Sie stand daneben! Mich zerriss es innerlich, das mit ansehen zu müssen, er sah es nicht mehr, hatte kein Gespür dafür mehr, dass er Großmutter verletzte, dass er sie kränkte. Ach, sag sowas nicht, entgegne sie dann, mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen. Es sollte sich wie ein Scherz anhören, aber ich sah es ihr an, ihr Inneres war schwarz und von der Dunkelheit, die von Großvater in diesen Momenten ausging, vollkommen eingehüllt. Sie war fünfzehn Jahre jünger, hatte diese fünfzehn Jahre noch vor sich, es beängstigte sie zutiefst, in diesen fünfzehn Jahren alleine sein zu müssen, und als es passierte, als der Herzrhythmus in einer wolkenlosen Donnerstagnacht im April 2015 aufhörte, auszuschlagen, war sie allein.

Ein Jahr nach Großvaters Tod hatte sie sich verändert, sie lachte nicht mehr, fasste sich in ihren Worten kürzer, begeisterte sich nicht mehr für das, was man ihr erzählte. Das schmerzte, weil sie genau das ausmachte, diese Begeisterung für das Leben ihrer Enkelkinder, es war immer zu spüren, Großmutter schenkte Aufmerksamkeit und Harmonie aus einer scheinbar unerschöpflichen Quelle, als Einzige ohne Kompromisse in der Familie. Alles in ihr erlosch mit Großvaters Tod.

Großmutter in dieser Verfassung zu sehen, körperlich vital, innerlich betäubt, tat weh. Bei jedem Treffen hätte ich losheulen können. Wenn ich ihr etwas erzählte, nickte sie und starrte in die Leere ihrer Gedanken. Bereitete sie das Essen zu, das typische Festmahl, das man von ihr gewohnt war und als einzige Konstante übrig blieb, gingen ihre Bewegungen nicht mehr über das Zubereiten hinaus, wo früher Schwung und Hingabe war, herrschten leere Bewegungen. Schauten wir Fernsehen, meist eine aufgenommene Sendung, Kanadas wilde Natur oder Terra X, wir saugten jegliche Sendungen mit Bezug zu ihrer gemeinsamen Zeit in Kanada auf, löste sich immer eine Träne bei ihr, die sie mit dem griffbereiten Taschentuch sofort wegwischte, um die Traurigkeit vor ihrem Enkelkind zu verbergen. Mir waren diese Tränen so sehr bewusst, dass ich sie von der Seite anstarrte, ich wollte es nicht, konnte aber nicht anders, hatte nichts dazu zu sagen, konnte sie nicht trösten und verletzte ihr Ehrgefühl nur noch mehr, weil ich es sah, den schwachen Menschen, der mir so fremd war, weil sie stets die Starke gespielt hatte. In all den Jahren seit meiner Geburt gab es keine Erinnerung, in der von ihr etwas Negatives oder Schwaches auskam, kein Streit mit Großvater, nie beschwerte sie sich, alles richtete sich auf ein harmonisches Miteinander und in allererster Linie darum, das Negative, das von Zeit zu Zeit ganz gewöhnlich in der Familie in Form von Streitereien und Meinungsverschiedenheiten auftauchte, von den Enkelkindern fernzuhalten. Das war Oma. Ein Ort der Harmonie, ein Ort der Begeisterung für das Leben der Enkelkinder.

Nach Großvaters Tod besuchte ich diesen Ort seltener, teils aus der Angst geboren, sie in der tristen Einsamkeit zu sehen, teils aber auch, weil mich der leere Sessel schmerzte, auf den Großvater immer saß, das war ein entrissener Teil von mir, den ich nie überwinden konnte, nie verkraften konnte und so blieb ich von dem Ort fern, aus dem die Harmonie entflohen war, eigentlich paradox, jetzt wo sie Gesellschaft brauchte, entfernte ich mich von ihr, wie musste das für sie aussehen, bin ich es ohne Großvater nicht wert, mich zu besuchen?

4 Kommentare

  1. Eine berührende Geschichte, die aber auch zeigt, wie schwer es in unserer Kultur fällt, loszulassen. Ich bin gerade in einer ähnlichen Situation wie Deine Oma. Immer öfter kommt mir das „danach“ ohne Partner in den Sinn. Und dann denke ich es ist aber auch möglich, dass ich vorher gehe und schließe Frieden mit der Vergänglichkeit unseres Seins.

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    1. Danke fürs Mitteilen. Du sagst es, das Loslassen ist von unendlicher Schwierigkeit. Niemand bereitet dich darauf vor, es ist etwas, das man mit sich selbst klären muss. Ich denke, die Vergänglichkeit zu akzeptieren, ist etwas Erstrebenswertes. Akzeptanz, ja, das ist es.

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  2. wenn ein mensch geht und so ein loch hinterlässt, ist das schwierig in einer familie wieder zusammenzufinden, sich neu zu ordnen, eine neue struktur zu entwickeln. ich hab das ähnlich erlebt, nur war es bei mir schon 2006 und es wurde nie mehr so richtig wie vorher. vermutlich gehört das irgendwie alles zum leben, einfach ist es aber noch lange nicht. ich kann gut nachfühlen, wie es dir geht und beschrieben hast du es wie immer sehr eindrücklich und in schönen worten ❤

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