abgebrochene romananfänge, teil 1

„Liest du mir etwas vor?“

Er starrte kurz in sich hinein, was er darin suchte, wusste sie nicht, aber sein Nicken schien eine Antwort gefunden zu haben, zumindest etwas, dass auf diesen Vorschlag eingehen konnte. Also öffnete er dieses rechteckige, schwarze Notizbuch, und hätte sie ihr Haar daraufgelegt, wäre es mit der Farbe des Buches verschmolzen. Dann öffnete er eine Seite, fast genau in der Mitte, als hätte er sich jahrelang darauf vorbereitet, genau diese eine Seite vorzulesen. Er las:

Oh – das Schicksal, ein Scheißhaufen

Wer tritt drauf – du oder andere

Verfluchter Scheißdreck.

Aha. So etwas schrieb er also, dachte Flora. Sie hatte großartige Prosa erwartet, mystische, schwer zu entziffernde Kunst; stattdessen das, Worte von unendlicher Banalität. Ihren Schock trug sie in Stille nach außen, sie betrachtete ihn von der Seite, er rührte sich nicht, starrte auf diesen Dreizeiler, als sei es sein Meisterwerk. Gleichzeitig brachten diese banalen Zeilen eine Reihe an weiteren Gefühlen und Gedanken zu ihr: Was, wenn er ein Psychopath ist? Ein stiller Mensch, der eigentlich nett ist, eigentlich faszinierend, doch dann aus der grundlosesten Urplötzlichkeit ausbricht. Wie das Monster, vor dem sie geflohen ist.

„Meisterhaft“, sagte Flora, stand auf, nahm ihre Schuhe in die Hand, den großen Wanderrucksack, der neben der Tür stand, und ging hinaus. Die Tür ließ sie auf, vielleicht, damit ihr Abgang nicht ganz so brutal erschien, denn er war offensichtlich verletzt, zu sehr, um diesem Fremden jetzt nahe sein zu können, dachte sie. Also lief sie in den Wald hinein, es war nachmittags, die Oktobersonne verbarg sich hinter dichten Schäfchenwolken, den Vorboten eines Gewitters. Zwischen hohen Tannen lag Schlamm. Vereinzelte Grashalme stachen heraus, die letzten Überlebenden ihrer Wiese, bevor das große Schlammassel kam.

Flora lachte kurz auf, sie hätte Schriftstellerin werden sollen, nicht er. Dann verstummte ihr Lachen, sie wusste nicht, worüber er geschrieben hatte, welches Buch ihn zu einem Welterfolg gebracht hatte, und warum ein solcher Erfolg in der Einsamkeit am Rande der Zivilisation enden kann. Dagegen wusste sie ganz genau, weshalb sie hier unterwegs war, an dieser traurig schönen Küste.

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