Ich war noch nie London. Dachte ich mir vergangenen Dienstag, gegen 22:04 Uhr. Am nächsten Tag würde meine Zwischenprüfung anstehen. Anschließend werde ich sage und schreibe 4 Tage frei haben! Ich war noch nie in London.
Was denkt sich jetzt der logisch schlussfolgernde Jim? Flüge nach Island. Flüge zu den Faröer Inseln. Mhh… Billigflüge nach Oslo, Helsinki und Stockholm? Alles zu teuer, das ist wohl doch etwas zu spontan. Aber ich will unbedingt weg für ein paar Tage, die letzte Chance bis Weihnachten, noch einmal kurz auf und davon… Die Zeit läuft. Ich sollte jetzt gerade lieber noch einmal die relevantesten Lernfelder durchgehen… Flüge nach London! 70€! Das ist es! Wie entfesselt beginne ich sofort mit der Suche nach einem Couchsurfer, der mich eventuell in London beherbergen könnte. Knapp über 5000 gibt es in London. Knapp 7 davon schreibe ich, mit Hingabe, individuell, so wie es verlangt wird, und bitte um einen Platz auf dem Sofa. In der darauffolgenden Stunde hagelt es nur so von Absagen. Was sind das nur für herzlose Menschen? Nichtmals eine Begründung bekomme ich.. Airbnb.com! Übernachtungspreis max. 40€, 32 Seiten je 20 Angebote. Und alle, wirklich ALLE waren ausgebucht/nicht verfügbar. Der Uhrzeiger kommt mittlerweile der Mitternacht bedrohlich nahe. Okay, machen wir es auf die gute alte Art. Hostels. Und siehe da… auch alles ausgebucht. Abgesehen von einem Bett im 32er Schlafsaal. Da würde ich lieber mit meinem Zelt unterm Gullideckel schlafen. Aber wie es der Zufall so wollte, fand ich doch noch ein Bettchen, in Southwark, relativ zentral, im 6-Bett-Zimmer. Das geht klar. Ich buche für 3 Übernachtungen (um Geld zu sparen keine 4te, mach‘ ich halt von Samstag auf Sonntag durch, tolle Idee) und gehe zurück zum Flugangebot. 90€. Diese Schweine. Egal, denke ich und will buchen. Einzig mögliche Zahlungsmethode: MasterCard. Hab ich… macht 40€ extra! NUR für das Bezahlen via Kreditkarte. Unfassbar, denke ich und buche trotzdem, jetzt ist eh‘ zu spät um mich mit Preisen aufzuhalten. Sehe mein Bankkonto jetzt schon einen Shitstorm auf mich lostreten. Um kurz nach halb 1 in der Nacht stand es dann endgültig fest: Ich fliege heute nach London!! 🙂

Völlig übermüdet stehe ich auf und ziehe gekonnt meine Zwischenprüfung durch, fahre nach Hause, packe meinen Handgepäckskoffer bis zum Limit von großzügigen 8kg und mache mich um 17 Uhr auf den Weg zum Flughafen. Typischer Jim, alleine und spontan, mensch, wovor rennst du denn schon wieder davon… ? Ich war halt noch nie in London. Und alle sagen, es wäre so schön dort. Vor allem die, die schon einmal da waren. Was demnach recht überzeugend wirkt.

Der obligatorische Sicherheitscheck stand bevor. Schon im Juni auf dem Weg nach Norwegen hatte ich so meine Probleme damit. Und auch jetzt war ich kurz davor, als potenzieller Terrorist von schwer bewaffneten SEK-Beamten abgeführt zu werden. Auf die Frage, ob in meinem Handgepäck Flüssigkeiten jeglicher Art sind, antwortete ich beschwingt und heiter bis fröhlich mit: Nö. Nur doof dass mir entgangen ist, dass ich dieses Mal KEINEN Koffer mit meinen Badutensilien am Check-In aufgegeben habe. Ich werde herausgewunken und just in diesem Augenblick wird mir klar, dass ich ein Vollidiot bin. Parfüm, Kontaktlinsenflüssigkeit, Zahnpasta, Duschgel, Nivea, Wax und zur Krönung die vermutlich größte Haarspray-Flasche, die ich mir seit meiner wilden Punk-Präbertätsphase vor 8 Jahren gekauft habe. Ich ernte viele böse Blicke. Mit dieser Menge an Flüssigkeiten hätte ich vermutlich den ganzen Lufthafen zum Einsturz bringen können. Hehe. Dagegen fiel das Urteil relativ harmlos aus: Der Sicherheitsmann drückt beide Augen ganz fest zu, und ich muss lediglich, nebst dem monströsen Haarspray und dem Duschgel, ein weiteres Utensil in den schon wartenden Mülleimer werfen. Ich entscheide mich für Nivea, verabschiede mich von ihr mit einem herzzerreißenden Blick und weg war sie, in den dunklen Tiefen des Abfallbehälters verschwunden. Aber Sie wird in Gedanken für immer bei mir sein, denn nein, Abfall, das war Sie nicht, und verdammt, ich habe eine Schwäche für Nivea…

Da sitze ich nun, starre gedankenverloren auf die Anzeige am Gate, die plötzlich schwarz wird. Also von himmelblau mit Text und so, auf schwarz. Verwirrung macht sich breit. Eigentlich müsste das Boarding doch schon längst begonnen haben… einer nach dem anderen sprintet zur leicht beschämt lächelnden Dame am Counter und fragt, was los sei. Und anstatt eine Durchsage gemacht wird, erzählt sie jedem einzelnen in aller Seelenruhe, dass

der Flug gecanceled wurde. Also so schien es zumindest, sollte der zurückkehrende englischsprachige Typ das Prinzip der stillen Post richtig verstanden haben, nachdem ich ihn gefragt habe, was denn los sei. Zur Sicherheit begebe auch ich mich in den Tumult und tatsächlich, der Flug war gestrichen.
Ich schaue in die Gesichter der Beinahe-Passagiere. Die Einen wild am lamentieren, die Anderen bedröppelt und hilflos. Und ich mittendrin, am grinsen. Bringt ja alles nichts, oder? Völlig gleichgültig stampfe ich zum Service-Schalter, vor mir ein paar wild gestikulierende Businessmenschen, die um jeden Preis (heute noch!) in einen anderen Flieger gesetzt werden wollen. Und wer hätte das gedacht, ich bekam just mit den Schlimmsten der Schlimmsten, die im Falle einer Nichtversetzung in ein anderes Flugzeug die Airline um empfindliche 428 Millionen Euro verklagt hätten, einen Platz in einem noch nicht ganz belegten, schon auf dem Rollfeld kurz vorm Start stehenden Flieger. Ganz hinten in der Ecke, auf dem einzigen Platz, der kein Fenster hatte. Hehe. Dazu kommt noch, dass ich nicht in Stansted landen werde, sondern in Heathrow. Damit waren die 40€ für den Stansted-Express, der mich heile zum Hostel bringen sollte, eine glatte Fehlinvestition.
Um 21 Uhr war es dann so weit. Der Flieger hebt ab und irgendwie fühle ich mich, als würde ich nur den Bus in eine benachbarte Stadt nehmen, aber es ging nach London, die mit gut 9 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Stadt in der EU, recht groß, recht englisch und vor allem, recht unbekannt, denn ich war noch nie in London… Vielleicht hätte ich das auch lieber so hinnehmen sollen, denn der Sicherheitscheck und die Halbkatastrophe am Gate waren nur der Anfang einer Reihe von Dingen, die einfach nicht ineinander gegriffen haben…
Liebe Grüße,
Jim Kopf

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