Oh, wie ich es liebe wieder in die Uni zu gehen. Eine Stunde früher aufstehen am Morgen, eine Stunde länger bis ich die Tür der Hochschule betreten kann. Noch mehr Zeit im Zug. Noch mehr Zeit für mich, für meine Gedanken, für die Musik und das Lesen. Pendeln als Glücksgefühl.
So stelle ich mir das vor. Da beginnt also gestern das dritte Semester, der Wecker klingelt in unerträglicher Frühe, ich schaffe es nicht aufzustehen und hetze mich in mein kaltes Auto und zum Bahnhof, nur um festzustellen, dass meine Bahn ausfällt. Die nächste Bahn kommt in 40 Minuten und ich halte fest, dass ich den Unterrichtsbeginn um empfindliche 20 Minuten verpassen werde. 40 Minuten in der Kälte am Bahnhof. Ich versuche mir Wärme über die Musik zu holen, die ich mit jedem Tag neu entdecke, obwohl es meist die selben 153 Lieder meiner Spotify-Playlist sind mit der treffenden Bezeichnung THINK. Ich thinke auf jeden Fall eine ganze Menge, während ich in den vereinzelt aufgehenden Sonnenstrahlen das Schöne im Warten zu erkennen versuche.
Es ist kalt. Es ist windig. Doch heute habe ich vorgesorgt. Winterjacke anstatt Mantel, dicker Schal mit Kanada-Aufdruck anstatt dem Offenlegen meiner Halskette. Dann erwacht die Sonne. Es wird warm. Das Herz des Windes erstarrt. Hätte ich mal lieber den Mantel angezogen. Schnee ist hier bei mir im Westen sowieso keiner. Wieso auch, im fucking Januar. Und dabei liebe ich den Schnee. Er verzaubert die ganze Welt, lässt alles funkeln und schön aussehen. Liegt Schnee, wird eine glückliche Oberfläche fantasiert. Nicht zu erkennen sind die wackligen Pflastersteine, der Dreck der die Straßen säht, die graue Umgebung.
Ich brauche Schnee. Denke ich mir jetzt gerade und entwickele in schelmischen Gedanken einen kristall-weißen Plan. Ich denke, vielleicht und eventuell, im nächsten Blogeintrag könnte das schon etwas konkreter aussehen, aber wer weiß das schon… 🙂

Die Bahn kommt und Freude überkommt mich. Ja, der Anblick einer einfahrenden Bahn erzeugt definitiv Endorphine des Glückes. Gleich sitze ich am Fenster und darf in meinem neuen Buch lesen, „LEBEN“ von Karl Ove Knausgard. Abseits des Mainstreams habe ich mich für das vierte Buch einer 6-Bändigen Reihe entschieden. Und für den dritten Band auch noch mit dem Titel „SPIELEN“, hatte irgendwie das Gefühl dass wenn ich das Buch nicht sofort mit dem anderen zusammen kaufe, dann wird es mir weglaufen.
Und was ist das für ein unglaubliches Buch. 40 Seiten habe ich gelesen, unwissend was mich erwartete. Kritiken und Klappentext waren beim Lesen des ersten Satzes auf der ersten Seite schon vergessen. Worum geht es? Um den Autor selbst, in seiner achtzehnjährigen Gestalt, wie er sich auf und davon macht, in Nord-Norwegen seine erste eigene Wohnung in einem abgeschotteten 250-Seelen-Dorf inmitten der wunderschönen Natur bezieht, mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden. WTF. That’s me!, oder besser, ist das nicht doch eigentlich mein Traum?! Der ein oder andere erkennt hier eventuell Parallelen… Also wenn es jemals ein Buch geschafft hat, mich in den ersten 40 Seiten so sehr zu infizieren, dann ist das jetzt der Fall und verdammt nochmal, was für eine riesige Inspiration da auf mich einprasselt. Fuck, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich lege das Buch zur Zeit und fasse mir an die bebenden Schläfen. Leichter Schwindel überkommt mich, was aber auch an den zwei großen Kaffee liegen kann. Es fühlt sich an, als werden meine Nervenbahnen und Glückshormone mit einem faszinierenden Puder der Sehnsucht, des Träumens umgeben, eingenommen.
Der große Plan. Er wächst mit jedem einzelnen Tag, mit jeder einzelnen Zeile aller Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, die ich jetzt lesen werde und mit jedem einzelnen meiner neuen altbekannten Songs, die mich ebenso heftig einnehmen. Doch dazu mehr in ca. 2 Jahren, wenn es heißt: Heute ist der Tag, an dem alles beginnt.
Die Uni endet mit dem Modul Handels- und Vertragsrecht und am Bahnhof angekommen stelle ich fest, auch die Bahn nach Hause fällt aus. Über zwei Stunden nach dem ich das Uni-Gebilde verlassen habe bin ich in meinem Bett. Müde, erschlagen von diesem ersten Tag zurück in der Bildung, die ich mir vor anderthalb Jahren ausgesucht hatte. Gedanken kreisen, erwachen und sterben wieder, doch dazwischen, LEBEN sie.
Liebe Grüße,
Jim Kopf

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