Nichts ist schlimmer, als sich mit einer Reise zu beschäftigen, sie quasi in Gedanken schon durchgeht, vom Start des Flugzeugs bis zum Sonnenuntergang an den Klippen der Küste, nur um dann, einige Stunden und damit einige Flug- und Unterkunftsrecherchen später, den gelbschwarzen „Abbrechen“-Button der Airline zu betätigen. Die anschließende Frustration ist so heftig, dass man nicht nur die Welt hasst, sondern auch sich selbst. Warum also sollte man diesen beschissenen Digitalknopf drücken?
Du bist knapp bei Kasse! Du hast Vorlesungen! Du sollst trainieren!
Mi mi mi.
Ich gebe zu, irgendwo zwischen den Verpflichtungen und der Annahme, das Geld könnte knapp sein, entstand mal wieder dieser Fluchtgedanke in eine andere Stadt, nur für ein paar Tage, raus aus der Wohnung, raus aus dem Land, in das ich hineingeboren wurde wie die Proletarier in ihren gesellschaftlichen Stand zur Zeit der französischen Revolution. Klar, gibt schlimmeres, als im Ruhrgebiet der Mittelklasse auf die Welt zu kommen, doch aber schleicht sich das Elend auf eine andere Art und Weise in mein Bewusstsein, vergleichbar mit der Spannungskurve eines Psychohorrorfilms, erst auf leisen Sohlen, dann so intensiv und dramatisch, dass einem die Luft weg bleibt. Stilmittel? Zum Beispiel die Blicke der Pendelmenschen, morgens am Bahnhof, trübe, so trübe und unmotiviert und hasserfüllt und verbissen und feindselig und vom Alltag eingekreist wie Melanie von den tödlichen Sperlingen und Krähen in Hitchcock’s Die Vögel. Und die Überzeugung, die dabei entsteht, während ich sie beobachte, schließt mich als potenziellen Mitarbeiter des Alltags aus. So ein Mist aber auch!
Ich muss sagen, das klingt schon ziemlich nervenaufreibend. Vielleicht sollte ich lieber Krimis schreiben, anstatt voll die deepen Blogeinträge und begonnene Romananfänge, in denen es um die Leiden eines jungen Mannes in Angesicht des ungewollten Treibens im Fluss der Gesellschaft geht. Autobiografische Züge rein zufällig!
An dieser Stelle fällt mir mein Lieblingsbegriff aus meiner Kindheit wieder ein. „Actionthriller“! Da denke ich an 3 Sterne in der TV Movie, an das rote, sehnsuchtsvolle FSK 18, an Bruce Willis und Listen wie „Filme mit den meisten Toten“, die mich dabei unterstützen, das Verbot* meines Vaters, solche Filme nicht schauen zu dürfen, ganz egal, ob so ein Fantasiegemetzel wie Herr der Ringe oder das cineastische Blutvergießen Kill Bill, mit einem Lächeln und einer gewissen Panik in der Magengegend auszureizen.
Sorry, das musste ich loswerden. Wie dem auch sei, um 15:31 Uhr stand fest, ich fliege morgen nach Irland. Hätte mich sonst selbst viel zu sehr gehasst, noch auf Abbrechen zu klicken. Das hat vielleicht etwas Manisches an sich, den eigenen Bedürfnissen in Außerachtlassung jeglicher Gründe nachzugehen, die eine solche Reise innerhalb eines bestimmten Zeitpunktes ausschließen, trifft mich aber nur bedingt, ich zucke die Schultern und packe meinen Rucksack: Ein kleines Handtuch. Ein Pullover. Buxe. Socken. Kopfhörer. Kamera. Marcel Proust’s Unterwegs zu Swann. Kann los gehen.
Keine Ahnung, was ich dort machen will, bin ja nicht gerade für die Auszeichnung des Toptouristen bekannt, die Sehenswürdigkeiten kann ich auch auf Google sehen. Eigentlich will ich dort nur drei Dinge: Ein kühles Guinness. Ein Blick auf die Stadt. Das Meer einatmen.
Donnerstag gehts dann auch schon wieder zurück, mit der Verpflichtung, im engen Kreise das eigene Land im Halbfinale anzufeuern. Im Normalfall wäre ich noch bis Freitag in Schottland, aber den Flug konnte ich doch nicht antreten, weil ich ein Fußballspiel hatte. Kein Witz, ich bin wegen eines „einzigartigen“ Spiels gegen eine höherklassige Mannschaft nicht nach Schottland geflogen, lieber rannte ich mit hochrotem Kopf, ausgetrockneten Lippen und kotzüblem Beinaheübergebens aufgrund ausgelassenem Joggens den Ball hinterher. 60-Ryanair-Euros für’n Arsch. Und hat es sich gelohnt? Der Trainer der Zweitligamannschaft schrieb heute in der Zeitung: „Mich nervt, dass in der zweiten Halbzeit eine B-Elf des Gegners auf dem Platz stand.“ Ich muss wohl kaum erwähnen, dass ich erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde.
So, melde mich wieder, wenn Dublin abgehakt ist. Hoffentlich lande ich dieses Mal im richtigen Pub.
Liebe Grüße,
euer Jim
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*Die Verbote meines Vaters: 1. Schau keine Filme für Erwachsene! 2. Iss keine Gelantine! 3. Trage eine normale Frisur (an dieser Stelle Danke für die vielleicht schrecklichste Pilzkopffrisur, die Mutter Erde je gesehen hat).


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