Ich klicke mich durch die unzähligen Bilder auf Pinterest. Sie sind schön anzusehen, sehr schön, nahezu grandios. Das schönste Bild das du siehst wird im selben Mausklick wieder überboten. Du träumst. Jede einzelne Momentaufnahme lädt dich zum Träumen ein, hält dich fest, lässt dich fest gebannt auf den Bildschirm schauen, während das Drumherum verschwimmt. Die Schärfe verschwindet, die Fotografien werden zu einer großen Leinwand direkt vor deinen Augen. Du fühlst dich unendlich. Es sind nur Pixel, viele Millionen Pixel, und doch scheint jeder einzelne Bildpunkt seine Wirkung auf dich zu entfalten. Jede Farbe, jede Perspektive, jedes Motiv greift nach dir, will dir etwas sagen. Komm zu mir. Komm zu mir und ich zeige dir das echte Leben. Das bessere Leben. Das Leben, das du jetzt sofort haben willst, wonach du dich sehnst, weshalb du in Gedanken schon den Flieger besteigst und dich aufmachst, die Welt zu entdecken, den Ort, das Motiv aus nächster Nähe zu sehen, anzufassen, zu fühlen. Du vergisst, dass dir das weit offene Bürofenster eine kühle Gänsehaut auf die Fingerspitzen zaubert, dich frieren lässt, und läufst im gleichen Moment im T-Shirt durch den kniehohen, samtweichen Schnee auf einem prachtvollen Berg in Alberta, Kanada.

Schnee umgarnt deine Jeans, lässt sie erweichen, durchnässen und du spürst das angenehme Gefühl von Regentropfen auf deinem Bein. Schnee rieselt auf deine Finger, aber du brauchst keine Handschuhe. Du willst den Schnee auf deiner Haut spüren, ihn schmelzen sehen, mit ihm verschmelzen. Du bleibst stehen. Du schaust auf den See, der vor dir liegt, ein See von unglaublicher Schönheit, mit reinem, glasklaren Wasser, das die Landschaft spiegelt, das dir sagt, wir sind Eins, wir gehören zusammen, die Landschaft, der See, und du. Du hast mich entdeckt, ich gehöre dir. Fühlst du mich? Ich fühle dich. Ich bin hier mit dir. Mit deiner kalten, aber herzerwärmenden Oberfläche. Mit den schneebedeckten Bergen um dich herum, mit deinen Tannen, die in den Himmel steigen und sich mit dem Nebel vereinigen zu scheinen. Nebel, du machst mir immer Angst, Nebel ich habe keine Angst mehr vor dir. Steine liegen unter meinen Füßen, zerbrechlich, wie Glas, so unantastbar, kunstvoll aufgereiht, übereinander verbaut, mit Liebe zum Detail. Seine Farben ergänzen sich zu einem Mosaik, ein Mosaik voller Bedeutung. Sie tragen dich, geben dir Halt. Halt, den du brauchst, den du vermisst hast, der sich wie etwas unerreichbares anfühlt. Den du jetzt in diesem Moment bekommst. Den du wie ein Lebensziel herbeigesehnt hast, den du so unbedingt haben wolltest, dass es dich nahezu krank gemacht hat, wenn du dich alleine fühlst. Ich bin nicht alleine. Ich stehe hier nicht ohne dich. Ich kann dich fühlen. Alle deine Freunde stehen neben dir, deine Familie, und die Person die du liebst greift nach deiner Hand. Der Ort mit all seinen wuchtigen Zutaten parfümiert dir die Vision von einem zufriedenen Leben. Von zufriedenen, glücklichen Momenten. In denen du keine Sorgen hast. In denen sich das echte Leben abspielt. Echt, frei, voller Vertrauen, voller Geborgenheit . Ich fühle. Ich bin glücklich.
Ich lehne mich zurück, mein Blick wandert aus dem Fenster. Noch immer ist alles verschwommen, das Bild noch immer präsent auf deinem Auge wie auf Zelluloid gebrannt.
Fast falle ich von meinem Stuhl und der Moment des Fallens holt mich zurück in die Wirklichkeit, zurück ins Büro, vor den Bildschirm. Ganz weit weg von dem Moment, in dem ich vor einigen Sekunden noch war. Kalter Wind strömt aus dem immer noch offenen Fenster in das Büro. Jetzt ist mir kalt.
Beitragsbild: Quelle

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