(Info: Dieser Post ist mittlerweile 2 Jahre alt. Lies hier die Vorgeschichte)
Die Busfahrt vom Norden der Lofoten – beziehungsweise, wie ich zwischenzeitlich herausgefunden habe, der Vesterålen, die Inselgruppe über den Lofoten – bis zur südlichsten Spitze hatte ein Ziel. Reine.
Ich erinnere mich. Es ist jetzt schon unglaubliche 2 Monate her. Aber die Erinnerung ist fest auf meinen Sehnerv gebrannt. Ich saß da, vor meinem PC, irgendwie traurig und irgendwie unglücklich und irgendwie einfach nicht zufrieden. Durchsuche die Weiten des Internets. Ohne Ziel. Finde Reine. Finde unglaubliche Bilder und Fotografien und erlebe eine instinktiv einsetzende Sehnsucht, mich dorthin zu begeben. Folge dieser Sehnsucht. Buche den Flug, kaufe Zelt und Schlafsack und fliege nach Norwegen, auf die Lofoten. Einfach so, aus dem Moment heraus. Auszeit.
Viele Träume verenden irgendwo zwischen Pflicht und Alltag, zwischen Ausreden von “das geht jetzt nicht” und “das werde ich irgendwann ganz sicher machen”. Ich hasse das. Ich bin zwar erst 21, aber ich kann mich einfach nicht mit dem Gedanken abfinden, dass alles erst später möglich sein soll. In 4 oder 5 Jahren, wenn ich meinen Master habe. Oder in 10 Jahren, weil ich vorher keine Auszeit von meinem Beruf nehmen konnte. Das Hier und Jetzt spielt für mich eine große Rolle. Ich will Hier und Jetzt glücklich sein. (s. Blogeintrag)
Und jetzt fährt der Bus über diese kleine Brücke, im Hintergrund gezeichnete Berge umgeben von Wasser und Hügeln und einer Landschaft, für die man die Bezeichnung ‚fotogen‘ erfunden hat. Am Ende der Brücke offenbart sich Reine. Ich war also angekommen…
Da ich mittlerweile die einzige und letzte Person im Bus war, gesellte ich mich zum Busfahrer und verriet ihm meinen Plan. Ich möchte den Reinebringen besteigen, den höchsten Berg über der Stadt. Ich weiß, dort oben gibt es eine Aussicht, die auf Bildern unfassbar unreal wirkt, nicht greifbar, nahezu grotesk weil ich mir niemals vorstellen konnte, so etwas mit meinen eigenen Augen zu sehen. Er nickt. In diesem Moment erkannte ich in seinen Augen, dass er sich Sorgen machte. Genau derselbe Ausdruck, wie ihn mir mein Vater zuwarf, als ich ihm von meinem Plan erzählte. You’re not convinced about my plan, right?, fragte ich ihn und nein, das war er ganz und gar nicht.
Es regnet. Es hat die letzten Tage geregnet, die letzten Wochen, soviel Regen wie im Juni hatten wir hier schon lange nicht mehr, alles war in ein dunkelblau-grau getaucht, die Sonne hinter den unzähligen Wolken versteckt. Bevor man den Reinebringen hoch möchte, empfiehlt sich ein Regen-freies Ambiente. Nicht nur zu diesem Zeitpunkt. Auch die Tage davor solle es doch bitte trocken gewesen sein. It’s raining, sagte der Busfahrer. I know.
Seine warnenden, fürsorglichen Worte wurden im selben Moment von meiner Motivation verdrängt. Ich war jetzt hier, ich will da hoch. Er lässt mich direkt am Fuß des Berges raus, steigt sogar noch mit mir aus und zeigt mir den Wegpunkt, wo ich den Aufstieg beginnen kann. Ich bedanke mich und schaue noch kurz den wegfahrenden Bus hinterher, während mir im selben Moment klar wurde: Ich hab‘ meine Mütze im Bus liegen lassen. Gott sei Dank war der Regen nicht kalt und ich habe mich schon längst an die sich scheinbar nie fucking mehr ändernden 5 Grad gewöhnt.
4 Pullover und eine Regenjacke. Mehr war nicht drin bevor ich mich wie in einer Zwangsjacke eingepackt fühlte. Meine Hände frieren. An dieser Stelle noch einmal Props‘ an mich für den Einkauf der 5€-H&M Handschuhe. Ein ganz wichtiger, sehr gut bedachter Move. Dafür dass meine Hände schon frieren, wenn das Quecksilber einen Millimeter unter der 20 Grad Marke angesiedelt ist, hasse ich mich für diesen Einkauf.
Und um die perfekten Rahmenbedingungen abzurunden, war es mein Plan, mit voller Montur, also Trekking-Rucksack und Schulranzen, in dem mein fotosensitives Equipment verstaubt war, den Berg zu besteigen, um auf dem Gipfel mein Zelt aufzuschlagen. Was für eine tolle Idee! Was für ein tolles Gefühl, dass ich die 25 kg – Last umsonst mitschleppen werde…
Ich drang mich durch den verwucherten Eingangsbereich der gut 442 Meter in den Himmel ragenden Bodenerhöhung und blieb stehen.
Ist das der Pfad zum Gipfel?, war mein erster Gedanke. Was man von außen unschwer erkennen konnte und ich aufgrund meiner vorigen, relativ entspannten weil gleichmäßig aufwärtsgehenden Bergbesteigung nicht mit gerechnet habe: Ich musste klettern. Jetzt keine 90 Grad – Felswand, aber schon für die ersten 10 Meter werde ich irgendwie den Vorsprung überwinden müssen. Mein Blick wandert von dem Hindernis vor mir auf meinen linken Arm, immer noch in einen Verband eingehüllt, da die semioptimale Metallentfernungs-Operation ja gerade einmal eine Woche zurücklag. Keine Belastung! Ich dachte an die Worte meines Arztes. Ich testete aus, inwieweit der Schmerz auszuhalten ist, wenn ich mich drauf abstütze. Das geht doch voll klar. Mehr oder weniger. Naja. Keine gute Idee. Ich sollte…
Springen! Tarzan-like hangele ich mich einarmig einem Ast entlang dem Vorsprung hoch. Geschafft. Handschuhe nass und dreckig. Alles war nass und dreckig. Der Schlamm-geschwängerte Boden und der abwärts verlaufende leichte Regenstrom ließ mich einsacken. 15 von 442 Metern geschafft. Und ich war nass und dreckig. Spaßeshalber streiche ich mir jeweils einen Kriegsbemalungsstreifen unter die Augen und fühlte mich kurzzeitig wie in einen vietnamesischen Dschungel versetzt.
Bereits zu Beginn ist der Weg steil (ca. 45% Steigung). Wer denkt, es wird besser, dürfte schnell enttäuscht sein: Bis zur Aussicht auf dem so genannten “Sattel” wird es steiler und steiler (bis zu 70% Steigung). (Link)
Es kann weitergehen…
Die nächsten Meter verliefen ähnlich. Immer wieder musste ich Anhöhen überwinden und nicht immer ging das nur mit einem Arm. Er wird schon halten. Er macht mit. Wir ziehen das zusammen durch. Meine Befürchtung, dass mir mein lädierter Arm Stress machen wird auf meinem Abenteuer, bewahrheitete sich nicht. Der zwischen 20 Zentimetern und einem Meter breite, leicht erkennbare Pfad ging über glatte, rutschige Steine, die sich fürchterlich über den Abgrund beugten, über steiniges Geröll, die mich zwischen 3 und 95 Mal umknicken ließen, ohne das was passierte oder schmerzte (danke an meinen Dad, der mich zum Kauf von den hässlichsten Trekking-Schuhen on Earth gezwungen hatte), sowie über und unter potente Äste und Sträucher her. Ich merkte wie meine Kraft langsam schwindete. Einen Hindernis-Parcour habe ich zuletzt in der 10. Klasse in der Gymnasialhalle während des Sportunterrichts bewältigt. Der Schlamm schien sich mit einen Schuhen vereinigen zu wollen und der Regen tanzte auf meiner Jacke wie Barbie in dem animierten Abenteuer Barbie in Schwanensee, das ich mir in einer präpubertären Phase als Ausgleich zum todesgruseligen Horror-Schocker Paranormal Activity mal angeschaut hatte.
Ich fokussierte mich auf die Anstrengung. Und machte die erste von vier Pausen an einer der vielen Lichtungen.
Es war schon kurz nach Mitternacht. Hätte vielleicht die Gelegenheit im Bus einige Stunden schlafen zu können nutzen sollen. Aber da war keine Müdigkeit. Mein wie verrückt pumpendes Herz und der Adrenalin der mittlerweile bereits geschafften ersten Hälfte des Berges ließen mich nicht zweifeln, dass das hier gerade eine absolut fantastische Erfahrung ist, extrem in jeglicher Hinsicht, aber wunderbar aufregend.
Die nächsten Höhenmeter waren unweit anstrengender. Und teils echt beängstigend. Ein falscher Schritt und ich würde abrutschen. Was würde mich auffangen? Besonders die glatten Steine waren mit zärtlicher Behutsamkeit zu betreten. Scheinbar stabile Äste knickten ab, scheinbar morsche Äste waren meist die einzige Halterung, die ich greifen konnte. Eine Gratwanderung auf dem eigenen Glück, auf der Hoffnung, dass ich diese Herausforderung meistern werde. Nicht eine Sekunde dachte ich daran, umzukehren. Vielleicht war das ein leichtsinniger Nichtgedanke, vor allem aufgrund meiner nicht vorhandenen Erfahrung mit Bergbesteigungen. Sehr wohl aber war das die einzige Möglichkeit, die Hindernisse zu überwinden, die nächsten Höhenmeter zu erreichen. Mein Blick wanderte mit meinen Füßen und nur in seltenen Momenten blieb ich stehen, blickte auf den Abgrund, der nie zuvor gesehen in die Tiefe führte. Blickte wieder nach oben, es kann nicht mehr weit sein…
Die Bäume und Sträucher und Äste blieben plötzlich hinter mir. Es lichtete sich, und der Weg führte über einen Strom aus Geröll. Keine Möglichkeit mehr, mich irgendwo festzuhalten. Nahezu krabbelnd kroch ich weiter. Rutsche ab. Versuchte mich in Minilawinen aus Steinen aufzufangen und die verlorenen Meter wieder hochzurobben. Und dann… nach fast zwei Stunden Aufstieg… ein letztes Hindernis… ein letzter Vorsprung… ein letzter Schritt… ein letzter Hauch von einem Griff über die wirklich letzte kleine Erhebung…
Ich stand angewurzelt da. Erschlagen von dem Ausblick. Erschlagen von der Anstrengung. Erschlagen von der Surrealität des Moments. Auch der Regen schien wohl kurz erstarrt zu sein und ermöglichte eine klarere Sicht.
Ein unfassbares Gefühl überkommt mich. Eine anhaltende Gänsehaut, wie ich sie noch nie vorher gespürt habe. Ich habe es geschafft. Ich bin in Norwegen. Ich bin in Reine. Ich bin auf dem Gipfel des Reinebringen. Alleine. Nur mit der Natur. Nur mit dem Wind, dem Regen, den Wolken, dem Berg und der sich mir zauberhaft erleuchtenden Aussicht. Der Wind setzt aus und es war totenstill. Kein einziges Geräusch. Nur mein Atmen war zu hören. Das war der Moment der Freiheit, auf den ich gewartet habe. Der Moment der Freiheit, der meinen Verstand vor wenigen Tagen infiziert hatte. Hier zu stehen, das war die Selbstfindung, die ich brauchte. In dieser Sekunde fließt Stolz und Glück durch mein Blut. Ich habe es geschafft. Ich stehe jetzt gerade wirklich hier.
Hier kann man nicht campen. So ein Scheiß. Mir wurde klar, dass ich die 25kg umsonst mitgeschleppt habe. Der Gipfel war ein ca. anderthalb Meter breiter Weg. Unmöglich. Einfach unmöglich hier das Zelt aufzuschlagen. Mir entkommt ein lautes fuuuck, abgelöst von einem Mist gefolgt von einem naja, was solls. War gerade zu glücklich. War gerade zu sehr dabei, dieses Erlebnis auf mich niederprasseln zu lassen.
Gleichzeitig merkte ich aber, dass ich hier nicht lange bleiben kann. Der Wind kam wieder und presste sich in mein Gesicht, als würde er mit einem Tornado konkurrieren wollen. Meine Hände fingen wieder an zu frieren und ich musste sie notgedrungen von meiner Kamera lösen. Einzelne Fingerkuppen schienen ihr Abschiedslied vorzubereiten. Ich zog die völlig durchnässten und schlammigen Handschuhe aus und stülpte zwei Sockenpaare über die Hände, um noch ein wenig auf dem Gipfel verweilen zu können.
Ich genoss die Ruhe, atmete so tief und frei wie ich konnte, drehte mich mit ausgebreiteten Armen im Kreis und konstatierte: Alles richtig gemacht. Ich setze mich auf einen Stein und blickte über das unglaubliche Panorama. Es ist schwer, diesen Moment zu beschreiben, aber ich saß einfach nur da und driftete mit meinen Gedanken ab. Wo kam ich her, wo will ich hin? Wo ist mein Platz im Leben? Was möchte ich verändern, was möchte ich besser machen? Mir schossen unendlich viele Gedanken durch den Kopf, ausgelöst von einem Abenteuer, das ich nie vergessen werde.
So ungern ich auch wollte, es wurde Zeit, den Gipfel wieder zu verlassen. Mittlerweile war es spät in der Nacht und nebst meiner Erschöpfung wurde ich müde. Der Blick nach unten machte mir Angst. Das sah gefährlich aus. Mich beängstigte die Vorstellung, dass bei dem steilen Abstieg mein Rucksack mich kopfüber hinunter schubsen würde. So vorsichtig wie es nur ging und mit einer gerade noch möglichen Rückenlage machte ich mich auf dem Rückweg…
Nach anderthalb weiteren Stunden, unzähligem Ausrutschen und Oberschenkeln wie Lance Armstrong war ich wieder auf der Straße, war ich zurück, zurück von dem kurzen Ausflug in die Unendlichkeit. Wieder überkommt mich Gänsehaut. Ich bin heile. Mir geht es gut. Bis auf ein paar Schrammen, durchgefrorenen Händen und Ohren wie Eiszipfel habe ich die Bergbesteigung überstanden, überlebt, erlebt, genossen, eingesogen, inhaliert und es hat mich zutiefst und – Pardon – scheißegeil beeindruckt!
Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt mir, es ist kurz nach halb 5. Und der Regen hat aufgehört. Sensationell. Kurz dachte ich an den weiteren Tagesverlauf, über den ich im nächsten Kapitel berichten werde. Ich hatte eine Verpflichtung vor mir. In gut 8 Stunden, bevor es am Tag danach mit dem Flieger wieder zurück nach Deutschland geht. Bedeutet: Ich musste mich sauber machen. Zwei Optionen: Einen Einwohner aus dem Schlaf reißen und ihn darum bitten, den dreckigen Abenteurer seine Duschen benutzen zu lassen. Oder ins Meer springen. Sozialbewusst entschied ich mich für letzteres. Ich lief ein paar riesige Steine zum Wasser herunter, zog mich aus, holte das Duschgel aus den Tiefen meines Rucksacks und sprang todesmutig in das eisige Wasser…
Nunja, ehrlich gesagt hab‘ ich zuerst die Wassertemperatur mit einem kleinen Zeh erfühlt, der danach direkt abgestorben ist und als ich meine Entscheidung kurz überdenken wollte, rutsche ich aus und flutschte auf dem nassen Stein ins Meer. Die nachfolgende Szene wäre bestimmt ein viraler Hammer auf Youtube geworden, denn wie ich dann versucht habe, direkt wieder aus dem Wasser zu krabbeln, muss unfassbar lustig ausgesehen haben! Bin dabei immer wieder abgerutscht und konnte mich kaum an dem nassen Stein hochziehen. Als ich schon fast aufgeben wollte und mir der Enddialog aus Titanic in den Sinn kam („Versprich mir dass du weiter lebst und einen Haufen Babys bekommst. Versprich es mir Rose.“ – Rose: „Ich verspreche es Dir, Jim.“) konnte ich doch noch das rettende Ufer erreichen. Selten so kaltes Wasser gefühlt. Die Eisschollen müssen nicht weit weg gewesen sein.
Ich war wieder sauber. Jetzt muss ich schlafen. Aber wo? Ich durchlaufe Reine. Nirgends eine freie Fläche. Nur Wasser, Hügel auf denen Häuser gebaut sind und Straßen.
Frustriert sahen meine müden Augen keinen Platz zum Zelt aufschlagen. Dann sehe ich ein Haus direkt am Ende der Straße, direkt am Wasser. Dahinter fand ich einen relativ großen Garten, mit zwei Ebenen. Auf der unteren Ebene, die vom Haus aus nicht mehr zu sehen war, war alles voller Moos. Super weich. Ich entfaltete den Schlafsack und legte mich in mein gefühltes Boxspringbett. Just in diesem Moment fing es wieder an zu regnen. DAS KANN NICHT WAHR SEIN!
Im Platzregen versuchte ich dann doch noch, mein Zelt im Moos aufzubauen. Hat hervorragend geklappt, nicht, aber konnte mich trotzdem reinlegen bis zu dem Moment als ich merkte, das war nix, ich bin völlig durchnässt, mir ist scheiße kalt und was zur Hölle mach ich jetzt. Zelt wieder zusammengebaut, Rucksack auf der Terrasse der Villa verstaubt und los ging ein Dauerlauf durch das malerische Örtchen, denn irgendwie musste ich wieder eine humane Körpertemperatur erreichen. Ich entdeckte die Haltestelle, beendete den Kenianer-Modus, sammelte meinen Rucksack wieder auf und wartete auf den allerersten Bus, der laut Fahrplan um 6:58 Uhr kommen würde. Macht noch gut eine Stunde. Zusammengekauert und irgendwie ein wenig verwahrlost lag ich nun in der Ecke der Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der mich wieder in die Mitte der Lofoten bringen sollte, wo ich einer ungeahnten Verpflichtung und damit dem letzten großartigen Ereignis auf meinem Abenteuer nachgehen musste…
Liebe Grüße,
Jim Kopf
Ach und: Die extremste und beste Erfahrung meines Lebens ist jetzt auch auf meinem Arm verewigt! :)))












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