Jeder möchte etwas Großem angehören. Einer Sache oder einer Lebensaufgabe, die größer ist als man selbst. Dies kann dem Leben einen Sinn geben, oder eher gesagt, das ist Sinn im Leben. Gewissermaßen ist das Große aber auch eine Rechtfertigung für die ausgesuchte Lebensart. Dies kann ein Berg sein, ein realer, massiver Berg, den man sich besteigen sieht, um dem Großen eine konkrete Form zu geben, und die Rechtfertigung besteht in dem Glück, dass sich wie eine Lawine über den Körper erschüttet, wenn der Berg bestiegen ist und man von der Spitze auf das Tal herabschaut. Dann ist man eins mit dem Großen. Das Herabschauen vom Gipfel jedoch ist von zeitlicher Natur, es ist ein Augenblick, der vorübergeht. Also legt man das Erreichte beiseite und fügt sich etwas noch Größerem. Denn nur wenige können sagen, ihre Lebensaufgabe war jene, die Gipfel dieser Welt zu besteigen. Ob metaphorisch oder in der Wirklichkeit. Im Normalfall besteht das Große aus dem wohl bodenständigsten Traum der Gesellschaft. Eine Familie. Eine eigene Familie zu gründen. Das ist die Angehörigkeit einer größeren Sache, zu zweit, zu viert, mit Kind und Hund, das ist größer als man selbst. Gleichzeitig liegt es in der Auffassung des Einzelnen, wie viel Sinn er darin sieht, und mehr noch, wie viel Sinn sich über seinen Körper ergießt, ist die Entscheidung zu diesem Schritt erst einmal gefallen.

Die Suche nach etwas Großem ist ein Lernprozess. Es gilt, Lichter zu finden und an ihnen festzuhalten. Dies geschieht, indem man die Lichter in gegensätzliche Räume führt, um zu sehen, wie stark, wie hell, wie überbordend erfüllend sie ein Konstrukt aus Sinn und Glück erschaffen. Das Konstrukt selbst ist aber niemals unabhängig von der Person, die man ist. Jegliche Erfahrungen und Erlebnisse, Werte und Weltanschauungen, bewusste oder unbewusste Charaktereigenschaften zieren seine Linien, von denen man glaubt, sie ergeben das Große, dem man sich gerne angeschlossen hat, oder das sich bei anderen erkennen lässt, bei der Masse. Wenn sich die Masse angeschlossen hat, ist es ein einfacher Weg, das gleiche Konstrukt als das Große anzuerkennen und sich einer allgemeineren, weit verbreiteten Ansicht von Sinn und Glück zu fügen. Kann das Große überhaupt etwas Anderes sein?

Lauscht man den Tiefen seines inneren Ich’s, kann eine Welle ins Bewusstsein branden, die anders ist. Die in dem Großen ein gegenteiliges Modell sieht, ein Modell, das schmerzt, das entbehrt, ein an Körper und Geist zehrendes Modell. Ins Bewusstsein erhoben durch eine Welle, von der man nicht so richtig weiß, woher sie kommt, und wie sie entstanden ist, von der man nur ahnen kann, dass ihre Furchen bis tief in die Vergangenheit reichen, und dass ihre Adern mit einer Art Größenwahn gefüllt sind, um all dem Vergangenen entgegenzuwirken. Das Große, dem man angehören will, ist somit vielmehr ein in die Zukunft platziertes Selbstbild. Ich, der Große. Es überhöht die Wirklichkeit und reißt das Bodenständige in den Abgrund. Durch sie leuchtet die Zukunft, alles ist erleuchtet mit Sinn, nicht aber unbedingt mit Glück.

Es mag sein, dass es mehrere Wege gibt, das Selbstbild groß werden zu lassen, doch nichts erscheint schmerzhafter und zehrender, als das Große durch Aufgabe erreichen zu wollen, und erst recht, wenn die Dunkelheit ausschließlich durch das Licht der Aufgabe einen Sinn bekommt, denn darum geht es, sich ins Dunkle zu begeben, Entbehrung zu erleben, das einzig verwendbare Mittel zum Großen zu erforschen, um schließlich eins mit dem Licht werden zu können, das so groß und hell und überbordend erfüllend ist wie nur der größte Traum und der größte Wunsch jemals als Blitz durch die Gedanken des Einzelnen schießen konnte. Dann erst, und nur dann, kann das Große zu Sinn werden.

Aufgabe und Entbehrung führt zu Erkenntnis, und Erkenntnis ist das Blut einer absoluten Identität. Ist sich der Geist sicher, seine Identität erreicht zu haben, sie eingeholt zu haben, sie in die Wirklichkeit platziert zu haben, ist die Distanz zu der großen Sache, die größer ist als man selbst, die man schon immer gesucht hat, der man sich unbedingt anschließen wollte, oder zu der man instinktiv, wobei der Instinkt alle individuellen Eigenheiten summiert, gehören wollte, geschrumpft. Es ist nunmehr nichts Überhöhtes, nichts Realitätsfernes, es ist das Große in der Wirklichkeit. Um sich dieses Denkmal setzen zu können, gibt es nur diesen einen Weg. Aufgeben, zehren, entbehren. Zur Erkenntnis gelangen. Seine Identität finden. Wirklichkeit und Sinn verschmelzen lassen.

Und das Glück? Ist das Glück relativ? Eine Variable, die man für seine Identität opfert? Oder wird sie sich im Anschluss erst finden, da ohne den Versuch, Teil des Großen zu werden, für immer ein Schatten auf dem Glück liegen wird? Es ist der Versuch, der dem Großen einen Sinn gibt. Doch nur in einem einzigen Fall kann das Glück ein Begleiter auf diesem Weg sein. Wenn nicht Glück die Variable ist, sondern Aufgabe. Somit würde die Ausschließlichkeit, die Endgültigkeit, die Absolutheit der Aufgabe relativiert werden, nur ein Mittel, aber nicht das Einzige. Ist dies Träumerei? Nur ein höflicher Gedanke, der nichts verletzt, nur beschönt? Eine Frage, die sich nur durch den Weg in die Dunkelheit beantworten lässt, durch den ersten Schritt, und durch den zweiten, den zweiten und den dritten und den vierten Schritt, und durch die Lichter, die jeden dieser Schritte sanft begleiten.

Jim_Kopf_und_seine_Selbstverwirklichung.jpg
(c) Jim Kopf

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

12 Kommentare

    1. Hm, nehme ich mal wohlwollend als Kompliment.. auch wenn ich manchmal wohl über große Worte stolpere und es vermisse, sie klarer und direkter zu formulieren. Vielleicht ist das auch eine Art, sich zu verstecken, um der klaren Aussprache zu entgehen.
      Aber danke, dass du dir auch diesen Text von mir durchgelesen hast!

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      1. Natürlich. Mache ich immer.
        Ach und weißt du, vielleicht ist da was dran, aber vielleicht ist es auch so, dass große Worte ein Weg sind, sich über das klarer zu werden, was da in einem arbeitet. Vielleicht weiß ‚man‘ nicht immer genau, was es eigentlich ist, aber es wühlt und man hat eine Idee, man will da was greifen, aber in drei Worten funktioniert es (noch) nicht. Es hat auch was mit Wachsen zu tun. Und solange man fragt und auch hinterfragt, nicht nur, aber auch sich selbst, reflektiert und in sich hinein fühlt, dann tut sich doch was. Du darfst es so nehmen, wei du es nimmst, als Kritik war es keineswegs gemeint, eher als nachdenkliches Hmmm…
        😉 Danke für deine Worte.

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      2. Oh, da hab ich vollkommen vergessen zu antworten, tut mir leid!
        Trotzdem noch ein kleines Dankeschön für deine Worte, es fühlt sich sehr wahr an, was du sagst, und ich werde das auf meinem Weg mitnehmen!
        Liebe Grüße,
        Jim

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    1. Dankeschön Markus, freue mich sehr über deine Worte, und ja, du hast vollkommen Recht! Ich denke jedoch, dass ich mich erst einmal noch ein paar Monate um das Finanzielle (buuh, langweilig!! :D) kümmern muss, ehe ich den nächsten Schritt gehen kann.
      Hoffe bei dir ist alles gut soweit!

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