In der Wüste von Kalifornien gibt es einen versteckten Ort, der Aussteigern eine Heimat bietet. Von der Zivilisation zwei Autostunden entfernt, durch verlassene Ortschaften und bitterheiße Dünenlandschaften hindurch, liegt plötzlich Slab City vor uns: Ein Stück Land für den Rand der Gesellschaft. Wikipedia nennt es lieblos einen wilden Campingplatz, aber was wir dort vorfanden, war weit mehr als das.

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Luftbild von Slab City & dem Salvation Mountain. Quelle unbekannt.

Aber von vorne. Am Anfang war der Film. Into the Wild hieß der und basierte auf das reale Abenteuer von Christopher McCandless, der sich nach dem Uniabschluss auf und davon macht, um ganz auf sich allein gestellt in der Wildnis zu leben. In diesem Film, der, das muss ich wohl kaum erwähnen, mein absoluter Lieblingsfilm ist, wird Chris von einem Hippie-Pärchen am Straßenrand mitgenommen, die an einem wüstenähnlichen Ort leben, wo veraltete Wohnwagen herumstehen und die Menschen ein Leben abseits der Gesellschaft führen, nach ihren eigenen Regeln, ohne irgendwelche Zwänge: Slab City.

Leben in Slab City in der Wüste Kalifornien und Kunst errichten

Insbesondere ein Bild brannte sich dabei ins Gedächtnis. Ein bunter Hügel, auf dem in leuchtend roten Buchstaben „God is Love“ stand. Dieser Schriftzug findet sich ebenso an jedem Winkel dieses Monuments. Wie wir später erfuhren, erbaute ein einziger Mann, Leonard Knight, in dreißig Jahren den Salvation Mountain, aus nichts als Ton und Lehm und bunter Farbe. Alleine der Gedanke daran bereitet mir eine Gänsehaut, und obwohl ich nicht sonderlich gläubig bin und Gott keine übergeordnete Rolle in meinem Leben spielt, so ist die Vorstellung dieser Widmung ein Zeugnis über die Willenskraft eines Menschen, der sich sein Leben lang in der Wüste Kaliforniens der Errichtung dieser Botschaft hingab. Dies und die Schönheit des Salvation Mountains erreichten etwas in meiner Freundin, das ich nicht verstand, aber an ihren Tränen sah ich, dass etwas Außergewöhnliches in ihr vorging…

Botschaft an Gott am Salvation Mountain in Slab City

Als wir in Slab City ankamen, diesem abgelegenen Fleckchen des Ortes Niland in Südostkalifornien, der auch auf keiner Landkarte verzeichnet ist und im Sommer Temperaturen bis zu 50 Grad verzeichnet, um eine Nacht in einem der ranzigen, verdreckten und alten Wohnwagen zu bleiben, gemietet über Airbnb bei einer wunderbaren, wirklich außergewöhnlichen jungen Frau, wehte eine Art Unwohlsein zu uns rüber. Unser schicker Mietwagen wirkte deplatziert, unsere Kleidung war modern und sauber. Wir fuhren über die Schotterpiste, an kaputten Holzbauten, Müllbergen und einigen wenigen Menschen vorbei, die ehrlich gesagt einen beunruhigen Eindruck auf uns machten. Ihnen sah man die Drogen an, die hier konsumiert wurden, und ihnen sah man die sengende Sonne an, die ihre Spuren auf der Haut hinterließ. Sie schleppten, irrten umher, schimpften.

Schuhe hängen an einem Baum in der Wüste

Am Wohnwagen unserer Honeymoon-Suite, wie es mit einem Augenzwinkern auf Airbnb genannt wurde, warteten wir zwei Stunden auf den Host. Wir hatten kaum etwas essbares dabei, und kaum etwas zu trinken, also fuhren wir noch einmal los und kamen selbst ewig später erst zurück, da der nächste, spärliche Supermarkt in einem Dorf voller Ruinen gut dreißig Kilometer entfernt war. Und da war sie, unser Host Rene, eine bis ins Gesicht volltätowierte Mittzwanzigerin, mit einer Rennfahrerbrille und einem geheimnisvollen Leder-Umhang bekleidet, der geradewegs vom Mad Max – Set hätte stammen können. Sie umarmte uns fröhlich und drückte uns ihre riesigen Büsche unter den Achseln ins Gesicht. Das klingt witzig, und wir akzeptierten das auch mit einem Lächeln, ungewohnt war das trotzdem.

Junge Frau vor einem Kunst-Auto in Slab City

Durch sie erfuhren wir, wer hier in Slab City lebte. Es waren solche Menschen, die keinen Platz in der Gesellschaft fanden, die selbst vom Rand des zivilen Lebens verstoßen wurden und das Weite suchen mussten. Das Leben in der Wüste entsteht aus einem großen Konflikt, einer großen Krise mit sich selbst und der Umwelt; hier finden sie Zuflucht. Vor allem aber finden sie hier keine Regeln vor, Slab City ist ein illegaler Ort, der keine Gesetze kennt. Geduldet wird er trotzdem vom Staat. Sie selbst fand keine Arbeit mehr durch ihre Gesichtstattoos, und sie arbeitete fünfzehn Stunden am Tag auf dem Bau, obwohl sie eigentlich Musikern werden wollte, ja, wenigstens Straßenmusik machen zu können wäre ein kleiner Traum. Doch Los Angeles und die Umgebung ist nicht Dublin, Straßenmusikerinnen wie sie werden nicht geduldet. Also floh sie in die Wüste und verdient nebenbei mit Touristen wie uns ein wenig Geld für… ja, für den Weg zurück in die Zivilisation. Irgendwann.

Fernseher mit Gesellschaftskritik in Slab City, Kunst

Während wir den Wohnwagen inspizierten und meiner Freundin vor Schreck die Kinnlade herunterfiel, weil überall Spinnen, Kakerlaken und Dreck lagen, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich mein, was hast du erwartet? Ein wundervoll eingerichtetes Haus auf vier Rädern mit Whirlpool und hochglanzweißen Küchenzeilen? Ich amüsierte mich, sah aber trotzdem besorgniserregt zur bald einkehrenden Nacht, denn noch waren gefühlte neunzig Grad im Wohnwagen.

Kunst Denkmal in Slab City, Kalifornien

Im Anschluss liefen wir etwa einen Kilometer in die Wüste hinein, an den Rand der Siedlung. Dort ragte der Salvation Mountain wie etwas Göttliches empor. Die Farben strahlten in der Sonne und wir spürten instinktiv die Anmut des Hügels. Dann ließ sie meine Hand los und gab sich ganz allein den Eindrücken hin. Sie wusste, ich war nicht so gläubig wie sie, und sie wusste, ich hätte niemals so emotional wie sie auf diesen Ort reagieren können. Ich empfand es schwierig, damit umzugehen, denn ich wollte das Monument mit ihr zusammen erleben, doch sie fühlte etwas so Großes, dass sie nicht anders konnte. Später erzählte sie mir, sie habe auf der Spitze des Hügels, an einem riesigen Kreuz, während die rotorangene Sonne am Wüstenhorizont unterging und fast unwirklich schön durch den God is Love – Schriftzug schien, eine Epiphanie gehabt, ein bewusstseinserweiternde Erlebnis mit dem was sie sah und dem, was sie war.

Junge Frau steht vor dem Salvation Mountain in Slab City

Auch hier empfand ich nahezu Neid, ja, ich war neidisch über ihre Fähigkeit, die Dinge so in sich aufzunehmen. Was ich fühle, ist das Abenteuer und das Unbekannte, aber etwas Bewusstseinserweiterndes, etwas, das mich Tränen weinen lässt, blieb bisher immer von mir fern. Beinahe schmerzte mich der Gedanke an die Gleichgültigkeit, die in mir herrschte. Warum war ich nicht wie sie? Warum konnte ich den Anblick nicht so in mir aufnehmen?

Junger Mann vor dem Salvation Mountain in Slab City

Die Nacht fiel über die Wüste hinein, wir liefen zurück und saßen mit unserem Host und zwei kiffenden Aussteigern zusammen, die seit Monaten im Zelt schliefen. Wir hatten aus dem Supermarkt Bier mitgebracht, das wir unter dem dichten Sternenhimmel genossen, und redeten über das Leben in Slab City. Es ist Fluch und Glück zugleich, ein Paradies für Aussteiger im Winter und die Hölle für solche, die im Sommer nirgendwo anderes hinkönnen.

Rand der Gesellschaft Slab City

Auch wir erlebten hier eine Mischung aus Beidem: Auf der einen Seite war die Faszination für die Menschen, die hier lebten und teilweise grandiose Kunst erschufen, die es so in dieser Art nirgends sonst auf dieser Welt gibt, auf der anderen Seite erlebten wir Menschen, die allesamt aus der Gesellschaft verstoßen wurden. Da war Mitleid mit uns, und Begehren, längere Zeit an diesem Ort leben zu wollen. Ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne fließend Wasser, Elektrizität und all den Dingen, die selbstverständlich für uns sind. Nur man selbst und der Drang, in der Wüste mit bloßen Händen sein eigenes Denkmal zu setzen, das war die Idee von dem Leben hier.

Farbe am Salvation Mountain in Slab City

Nach einer friedlichen Nacht auf der harten Matratze und heulenden Hundegeräuschen fuhren wir zurück nach Los Angeles, übernachteten im Vier-Sterne Hotel, aßen üppig einige Waffeln und Brötchen und tranken Eiskaffee und Orangensaft, entspannten am Huntington Beach, aßen ein großes Sandwich und einige Cookies bei Subway, gaben den Mietwagen am Flughafen ab, stiegen ins Flugzeug, stoppten in Zürich, wo wir für vierzehn Euro ein kleines Menü zu uns nahmen, stiegen ins nächste Flugzeug, und dann waren wir wieder zuhause. Der Roadtrip durch die USA war zu Ende, und er endete mit einer Frage: Wird das Erlebnis in der Wüste und das Abenteuer in den atemberaubenden Landschaften der USA uns in irgendeiner Weise verändern? Oder bleibt alles gleich?

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

10 Kommentare

  1. Ich glaube, man kann nicht gleich bleiben, wenn man von Reisen wiederkommt, die jenseits des All-inclusive-Pauschal-Tourismus-und-das-jedes-Jahr-am-selben-Ort stattfinden. Das ist ein bisschen so, als ob du ein Buch liest, weiterblätterst und weiterliest, aber in der Geschichte stehen geblieben bist. Geht nicht. Nee, geht nicht, finde ich.

    Danke für den schönen Reisebericht.

    Dein letzter Bericht über Alaska hat mich übrigens noch einige Tage verfolgt. Weil mich sehr beeindruckt, wie scheinbar mühelos du Erlebtes und Gefühltes voller Poesie zusammenbringst und dabei auch noch informierst. Unglaublich toll.

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    1. Ein schöner Vergleich mit dem Buch, ich glaube auch, das man sich durch jede ungewohnte Reise im Inneren etwas verändert, aber verändert das auch das Handeln im Äußeren? Vielleicht wird nur die Sehnsucht nach etwas größer oder man sieht die Welt ein wenig anders, aber was setzen wir davon tatsächlich um?

      Danke für deinen Kommentar! & danke, dass du noch auf meinen letzten Bericht zurückkommst, ich glaube das ist mit das Schönste, was du mir hättest sagen können! Danke dafür!

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  2. zunächst mal muss ich dir sagen dass du ein großer Schreiber und Texter bist. Besser kann man die erlebten Abenteuer nicht beschreiben. Ich bewundere wieder aufs Neue euren Mut von beiden ! Ich habe solche Reiseziele noch nie gehabt und vermutlich werde ich auch keine dieser Art mehr erleben. Schwierig finde ich auch einen Partner an der Seite zu haben der wenigstens ähnliche Vorstellen hat. Jeder ist verschieden und hat seine Vorstellungen. Was ihr da meistert ist grandios und es sind Ziele die vergißt man definitiv in seinem Leben nicht mehr. Vom Inhalt her finde ich es krass das es sowas überhaupt gibt, aber wir sind ja auch in Amerkia !! Ein Bild hat mich besonders fasziniert und zwar der Baum mit den angebundenen Schuhen. Auch dieses Monster aus Stahl völlig krass !!!! Also ich war dabei und bin wieder um ein bischen reicher das es sowas überhaupt gibt !

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    1. Wow, deine Worte machen mich echt glücklich, Manni! Freue mich riesig darüber, dass meine Art zu schreiben und die dazugehörigen Berichte bei dir so gut ankommen!

      Pauschal würde ich nicht sagen, dass du solche Reiseziele nicht mehr haben wirst, aber es liegt ganz an dir, nicht jeden zieht es an solche Orte. Einer meiner besten Freunde zum Beispiel, der hat tausend Mal mehr Spaß und Freude an einem Mallorca-Urlaub als irgendwo in Nordamerika durch die Pampa zu laufen.

      Ja, das Stimmt, besonders auf Reisen auf einen Nenner mit der Partnerin zu kommen ist nicht einfach.. so zieht es mich zum Beispiel eher in die Bergregionen wie die des Himalaya, und sie eher in Welten wie Thailand.

      & wir waren auch total geflasht von diesem Ort. Diese Kunst ist sowas von fremd, und gleichzeitig so faszinierend, weil sie von „anderen“ Menschen geschaffen wurden, die sich der Gesellschaft nicht zugehörig fühlen.

      Danke für deinen Kommentar! 🙂

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      1. Das habe ich wirklich sehr gerne geschrieben. Es ist immer toll und spannend zu lesen. Mich persönlich würde es natürlich auch in die Bergregionen ziehen und Asien ist nicht so mein Ding. Himalaya das wäre schon mal was ! Die 8000er zu sehen ja das wär schon ein Wunsch ! Ich denke man muss für solche Abenteuer einfach mal auf das alltäglich gewohnte verzichten ( Luxus ) . den haben wir das ganze Jahr und ich wäre dafür schon bereit. Es müsste halt sicher und geführt sein. So im ‚Alleingang das wäre nichts für mich, aber ich bewundere die Menschen die das tun ! Also du wirst bestimmt noch einiges zu berichten haben und ich denke du hast hier einen treuen Leser gefunden !!!!!

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      2. Freut mich echt! Ah, cool dass du auch lieber in die Berge wollen würdest, hehe. Und absolut, das Gewohnte und all die ganzen Sicherheiten müssen einfach mal beiseite gelassen werden für das Abenteuer.. ganz alleine würde ich mich dort in der Region aber auch nicht herumtreiben 🙂 Mega cool, danke! (und evtl. wirds ja sogar innerhalb der nächsten 12 Monate Berichte aus dem Himalaya geben…)

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    1. Ohja, das wäre ein Traum. Ich kann dir das Buch „Acht Berge“ empfehlen, es geht zwar mehr um das Leben in den Dolomiten, aber es steckt eine große Metapher auf das Leben darin, verbunden mit den Achttausendern des Himalaya.

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