Diesen Beitrag schrieb ich im Jahr 2015. Lies hier die Vorgeschichte dieser Reise.
Vorwort: Nach der längsten Beitragsüberschrift beim letzten Mal wählte ich diesmal die bisher kürzeste. Die letzte Überschrift war nicht nur viel zu lang, sondern auch viel zu aussagekräftig, viel zu pessimistisch, viel zu negativ. Das zog sich dann auch in den Text hinein, man merkte mir wohl an, dass ich meinen kurzzeitigen Frust nach außen getragen habe. Generell ist das für mich total in Ordnung, wenn man fremde Personen mit Geschichten behaftet, sei mal dahingestellt ob diese gut (märchenhaft, faszinierend, Happy End) oder schlecht (sarkastisch, bösartig, Sad End) daherkommen. Sind ja schließlich die eigenen Gedanken, und auch wenn eine Interpretation mit dem Wort Geschlechtskrankheit aufhört, möchte ich diesem Menschen noch lange nichts böses. Entscheidend ist aber, ob es lediglich bei einer Gedankenspielerei bleibt. Wenn man das synaptische Einfallsreichtum nach außen trägt und dieser unschuldigen Fremden (/Flugbegleiterin) genervt auf die (viel zu großen) Füße tritt, dann ist das etwas was ich überhaupt nicht leiden kann. Selbst wenn es nur eine merklich herabwürdigende Betonung ist, ich hasse das, das ist etwas, was so gar nicht zu mir passt. Auch weil ich mich stets schäme für übel gelaunte Menschen dieser Sorte, wenn ich zufällig beobachte, wie sie Unbekannte ungerechterweise anpflaumen. Um dem entgegenzuwirken denke ich, dass man sich diesen menschlichen Fehler eingestehen muss. Daher: Sorry für mein Verhalten, liebe Flugbegleiterin, ich hätte Ihnen freundlicher entgegnen sollen, so wie ich das immer mache. Ende Vorwort.
Minimal müde machten mir meine Augen das Aufstehen zur Herkulesaufgabe. Ich stieß ein dermaßen lautes Gähnen aus, dass ich mir ein wenig erschrocken die Hände vor den Mund warf. Wagte einen vorsichtigen Blick in die Runde und sah… niemanden. Ich war der Letzte im Zimmer. Die Vorzeigetouristen stehen wohl früher auf. Das erklärt dann auch die fünf unüberhörbaren Wecker, die zwischen 6 und 8 Uhr meinen Halbschlaf unterbrachen.
Dann wurde es auch für mich Zeit, London zu entdecken. Vorerst nicht alleine, sondern mit der bezaubernden Anja. Anja lebt für ein Jahr als Au Pair bei einer englischen Gastfamilie in London und führt ebenfalls ihren eigenen Blog. So kam der Kontakt zustande und als ich ihr schrieb, dass ich vorhabe, auf die Insel zu fliegen, erklärte sie sich sofort bereit, mich herumzuführen. Was bei meiner gravierenden Orientierungsschwäche und völligen Planlosigkeit ein echter Glücksfall war.
Wir trafen uns gegen 10 Uhr in Camden, erkundeten ein wenig die Straßen, frühstückten in aller Ruhe an einem niedlichen Eckcafé, während wir die vorbeiziehenden Autos beobachteten und unterhielten uns ausgelassen. Sie möchte mir einen tollen Ort über der Stadt zeigen, einen Hügel, auf dem man quasi ganz London überblicken kann. Hört sich nicht verkehrt an, und ein steiler Halbmarathon später waren wir oben angekommen. Tatsächlich, ein schöner Ort. Hier waren nur wenige Menschen anzutreffen, er war wohl noch nicht vom Touristentum kommerzialisiert und das war gut so.

Es war fast wie ein schöner Herbsttag. Die Sonne schien, so als würde sie den ganzen Tag nichts anderes vorhaben, die Bäume und Blätter zeigten erste Anzeichen einer bald einsetzenden Färbung und der kalte Wind wirbelte die blonden Haare umher, bei Anja, die einen Zopf hatte, und bei mir, obwohl ich mir noch eine neue Haarspray-Flasche am 24-Stunden-geöffneten Tesco gekauft hatte. Die andere lag ja im Müll am Flughafen, zusammen mit seinen Freunden Niv Ea, Lo Real und Got Tobe.
In einem örtlichen Pub gab es anschließend mein erstes englisches Bier (ever). Es war ein wenig zu warm, ein wenig zu wenig Kohlensäure, ein wenig zu laff. Also entschied ich mich, dass dies nicht mein erstes englisches Bier war, sondern nur das obligatorische Getränk zum Hähnchen. Das erste richtige englische Bier wird es dann später am Abend geben…
Anja musste nun ihren Tätigkeiten als Teilzeit-Nanny nachgehen und ließ mich sitzen. Tschüss, mach’s gut. Oder bis morgen? Ok, bis morgen 🙂
Und da war Jim wieder alleine. Alleingelassen in einer Großstadt. Ohne Plan, ohne Orientierung, dafür aber mit einer Oyster Card, mit der ich jede Station anpeilen konnte. Also entschied ich mich, den Touriekram abzurattern. Picadilly Circus, Trafalgar Square, Westminster Abbey, Hyde Park, Big Ben, London Eye. Alles nicht zu übersehen. 19 Uhr. Die Sonne geht unter und ich habe das Gefühl, ganz London gesehen zu haben. Meine Beine sind müde und ich war zufrieden. Jetzt war ich auch endlich mal in London. Sehr schön.
Dazu gab es noch die unzähligen Menschen aus allen Teilen dieser Welt zu beobachten, und damit auch die komplette Baureihe aller Canon-Modelle. Ich hatte bis zum Sonnenuntergang nicht wirklich das Bedürfnis zu fotografieren. Irgendwie fehlte mir das Besondere, wenn zeitgleich 9 Millionen andere Menschen ihre Spiegelreflex auf ein Motiv halten. Ich machte mir einen Spaß daraus, ein wenig in die Menge zu posen und nach einer Stunde auf dem Monument in der Mitte des Picadilly Circus‘ sitzend war ich gefühlt auf jedem zweiten Foto und sah mich schon als der nächste geborene Star über Nacht: „Wer ist dieser mysteriöse junge Mann? Nicht nur Huan Yang aus China, Krsitz Rancziowizk aus Kroatien und Motombo Afrodimasa aus Papua-Neuguinea haben ihn zufällig auf ihren Schnappschüssen abgelichtet, er ist auch schätzungsweise auf 4,5 Millionen weiteren öffentlich geposteten Fotos zu sehen. Unter dem Hashtag #whosthisguy verbreitete sich eine Welle der Verwunderung, die schnell in Begeisterung umschlug. Verschwörungstheoretiker betitelten diesen blonden Unbekannten als „eine Reinkarnation von James Dean„, Boulevardzeitschriften ernannten ihn zum potenziell „most influencial celebrity“ des kommenden Jahres. Reporter aus aller Welt und berühmte Starfotografen sind bereits auf dem Weg nach London und Gerüchten zufolge wird bereits an einer Waxfigur im Madame Tussaud’s gewerkelt. Es scheint, als würde der Hype nie enden. Wir sind gespannt, wie es weitergeht…“
Der Sonnenuntergang nahte herbei und nach und nach flackerten die vielen Lichter auf. Ich saß mittlerweile am Ufer des London Eye, dieses gigantische Riesenrad an der Themse und schlürfte aus meiner McDonalds-Cola. Saß da, mit Kopfhörern und vielen unfassbar tollen Songs, genoss das Drumherum, die vielen hektischen Menschen, die Hobbyfotografen, die aufgeregten Asiaten und vor allem aber den Blick auf die Wahrzeichen der Stadt. Fühlte sich gut an, auch wenn ich inmitten so vieler Menschen alleine war. Über WhatsApp werde ich von meiner, wie sich herausstellen wird, Beinahe-Ex gefragt, was ich mache und wo ich bin und wieso verdammte Axt, sitzt du da alleine, ist dir nicht langweilig?
Ich denke, viele Menschen verstehen das nicht. Ich bin gerne alleine. Ich habe mich und… meine Gedanken. Das ist etwas unverzichtbares, etwas, was mich zumindest zum Teil erfüllt. Was mich durchaus melancholisch macht, teils auch daran Schuld ist, dass ich unzufrieden wirke, und mir ständig einrede, dass ich unzufrieden bin, aber im Hier und Jetzt, und das war in Norwegen ganz genauso, und selbst wenn ich einfach mal alleine in den Park gehe daheim, ist es ein Gefühl, dass ich für wichtig erachte. Für meine Suche nach Glück, für meine Suche nach grenzenlosem Glück, die nunmal bei mir selbst beginnt, tief in meinem Bewusstsein.
Ich ließ mir Zeit, ehe ich zurückkehren wollte. Die Szenerie war wirklich sehr schön anzuschauen, zu fühlen, doch es wurde Zeit für mein erstes richtiges englisches Bier. Laufe die Straße am Westminster entlang und öffne wahllos die Tür eines zufällig ausgesuchten Pubs. Männer dominierten den Anblick, dazwischen standen drei große Frauen. Setze mich an die Bar, bestelle mir ein großes Guiness und verschlang es, als wäre es die erste Chance in meinem Leben gewesen, ein alkoholisches Getränk zu mir zu nehmen. Echt lecker, dieses Guiness. Mittendrin komme ich mit einem Mann mittleren Alters ins Gespräch, er arbeite in dem financial district here und sah auch so total business aus. Ich überzeugte mit fließendem Englisch und erntete die Worte „your English is sublime, just perfect… you’re a very handsome man„. Ich bedankte mich, ist echt ’ne coole Sache wenn ein Engländer deine Aussprache adelt und man weiß ja nie, vielleicht trifft man ja auch auf seinen potenziellen neuen Arbeitgeber (wie Jonah Hill auf Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street).
Die Theke wurde mir zu voll und ich stellte mich mit einem neuen Bier an eine andere, der einzig noch freie Platz, neben zwei weiteren Männern mittleren Alters, die eng umschlungen wie ein junges Paar.. nunja.. halt homosexuell agierten. Jeder wie er mag, dachte ich mir und lachte schulterzuckend. Um die Toilette aufzusuchen bat ich einen glatzköpfigen Mittvierziger, der ebenfalls an der Theke stand, kurz auf meine Sachen aufzupassen, ging in den Keller und blieb auf der Treppe stehen. Was man von oben nicht hören könnte, hier sang gerade ein Chinese mit langen Haaren und unglaublich schrägen Tönen einen Hit von Celine Dion. Also Den einen Hit. Vor der kleinen Bühne standen ca. 15 weitere männliche Gestalten und verfolgten das wirklich sehr groteske Treiben. Ich pruste los, der Anblick war wirklich zum Schreien! Ich überlegte mir, auch einen Hit zum Besten zu geben, ich meine, hier kennt mich ja eh keiner, aber vorerst hatte ich noch ein Bier zu leeren. Wieder an der Theke spricht mich der recht betrunkene Glatzkopf an. In Anbetracht meines noch vollen Bieres kam ich nicht drum herum, mit ihm ins Gespräch zu kommen, was solls, hier sind sowieso keine jungen Damen und Englisch sprechen macht mir generell Spaß. Er erzählte mir eine Menge Dinge, und auf jede meiner Aussagen antwortete er mit einem „You are very handsome, a really handsome man„. Langsam aber wurde mir das Ganze unangenehm. Dann erzählte er mir, dass er nächstes Jahr nach Berlin reisen möchte, „Oh I wanted to do this for a long time, but next year for sure. By the way, how is the Gay Scene in Berlin?“
What? „The Gay Scene.. in Berlin?!“ Ich muss wohl ein wenig perplex ausgesehen haben. „Uhm – well, inasmuch I am straight, I don’t know anything about the Gay Scene in Berlin…„. Jetzt war er ein wenig perplex: „But you know that this is a Gay Bar?“
Oh Gott. Nein, das wusste ich nicht. Aber jetzt wurde mir einiges klar. Der offensichtlich stockschwule Barkeeper mit seiner Aaron Carter-Mähne, der sichtlich interessierte Finanztyp, das auffallend schwule Paar an der Theke, der Keller voller Männer, die sich Liebeslieder vorsangen, der aufdringliche Glatzkopf… ich gebe zu, ich habe echt lange gebraucht, das zu checken. Ich war wohl naiv. Nicht dass ich Homosexuelle nicht tolerieren würde, aber so viele auf einen Haufen… und die Komplimente – nun, die Intention dahinter habe ich wohl missverstanden. „I know you are very young… but I don’t mind…“ Das war der Punkt an dem ich wusste, ich muss hier raus. Haute mein Bier auf Ex die Kehle runter und verabschiedete mich höflich, schaute beim Herausgehen hilflos zu einer der drei Frauen, die, wie sich herausstellte, auch nur Transen waren, und verließ den Pub so schnell es ging. Von außen gab ich noch einen Blick auf den Namen des Pub’s: Highway to Heaven.
Ich war bedient. Das war schräg. Echt verdammt schräg. Ich lache laut und komme aus dem Lachen nicht mehr raus. Das kann aber auch nur mir passieren. In diesem Moment schreibt mir Anja, weißt du, der Hügel auf dem wir heute vormittag waren, ich will den mal bei Nacht sehen. Warum nicht, dachte ich mir und eine Dreiviertelstunde später saßen wir auf der Parkbank auf dem Hügel, vor uns tausende kleine Lichter, London bei Nacht. Ein wunderschöner Anblick.
Nach ein paar Versuchen, mit Licht in die Dunkelheit zu malen, ließen wir zusammen noch meinen ersten Tag in London Revue passieren und am Ende der Geschichte (stell dir vor ich hätte auch noch gesungen…) kamen wir beide auch nur schwer wieder aus dem Lachen heraus…





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