Ich kann’s kaum glauben. Alaska ist mittlerweile mehr als ein Jahr her. Wenn ich zurückblicke und mir Bilder wie dieses anschaue, schießt unmittelbar wieder der mir so vertraute Traum von Freiheit hoch. Das ist okay. Bilder sind voller Sehnsucht, und sie waren es, die mich immer und immer wieder an Alaska denken ließen. Ich wollte dorthin. Ich wollte frei sein.
Als ich dort war, sah ich die Freiheit um mich herum. Ihre Form war jedoch anders als die meiner Sehnsucht, abstrakter, kälter. Überfordert war ich, ja das war es. Überfordert mit der unendlichen Weite, überfordert mit der Frage, was genau ich hier machte. Meine Freunde im Auslandssemester flogen zusammen nach Hawaii. Ich flog alleine nach Alaska.

Ahh, diese beschissene Freiheit. Sie ist die Sehnsucht, während all das um mich herum von ihrem Gegenteil geprägt ist. Scheinbar, zumindest. Vielleicht ist der Traum von Freiheit nur eine Lüge, etwas, das bereits existiert, man es aber nicht sehen und somit viel zu leicht in die weite Welt projizieren lassen kann.
Ein weiser Mann sagte mal, und ich glaube es war Reinhold Messner:
Freiheit ist der Verlust aller Ängste.
Und so fülle ich die Bilder, die ich in Alaska geschossen habe und die ein Jahr später so weit von mir entfernt sind wie das Land, in das ich mich so lange sehnte, mit all den Ängsten auf, die mich überhaupt erst die Sehnsucht nach Freiheit entwickeln ließen. Ängste wie: Ich bleibe für immer in dieser Enge des kleinen Ortes, in dem ich seit über zwanzig Jahren schon lebe. Ich werde meine Erinnerungen an all das, was in den über zwanzig Jahren schief gelaufen ist, niemals akzeptieren können. Ich werde durchschnittlich sein, einen durchschnittlichen Job nachgehen, ein durchschnittliches, nur allzu bodenständiges, hart arbeitendes Leben führen. Ich werde die falschen Entscheidungen treffen, falsche Wege gehen, und obgleich mir noch so viele Freunde sagen, dass es keine falschen Wege gibt, es doch bereuen.

Der Traum selber war recht simpel, eine Hütte in der Einsamkeit, ein Laptop, ein großer Roman. Das Bild hier im Beitrag zeugt davon, es zeigt den jungen Mann, der ich immer sein wollte. Eine Mystifizierung, eine romantische, naive Idee vom Unbekannten, der sich mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt, während er zweifelt, während er entbehrt, während er all das, was er hätte haben können, dem Bild unterwirft, in das er sich gesehnt hat. Es klang so einfach.
Abgesehen von diesen Fantasien, ist in der Realität etwas anderes bedeutend, viel schlimmer noch als all die Ängste: Sich nicht einig zu sein, welchen Weg man gehen möchte. Wie schon im letzten Beitrag beschrieben, wird der Gedanke an einen möglichen Weg vollkommen überflutet mit potenziellem Glück, ohhh, das soll es sein, das wird großartig. Ein anderer Tag, vielleicht nur kurze Zeit später oder ein halbes Jahr, und der einst so sichere Weg, ist man ihn noch nicht gegangen, erwacht erneut in einem anderen Licht, ohhh, nein, ich glaube nicht, dass es das ist, was ich machen will.
Fuck verdammt, was will ich denn?

Der eine sieht es klar vor sich, von A nach B nach C und fertig. Nicht, dass es garantiert so kommt, aber er versucht es immerhin, und anscheinend, so kommt es mir vor, gelingt es ihm, all die Zweifel von möglichen anderen Wegen von sich abzuschirmen. Alter, wie machst du das nur?
Ich, und ja ich hoffe, der ein oder andere identifiziert sich hiermit, sehe A und A und A und A, ja, ich befinde mich wieder am Anfang, weil die letzten vier Jahre eines Weges zwischen Ausbildung und Studium, den ich mit sehr großen Zweifeln durchstanden habe, mir kein endgültiges Gefühl gegeben haben. Stattdessen sind nur noch mehr Möglichkeiten entstanden, weil ich nun eine neue Qualifikation habe.
Wie soll man da noch durchblicken. Die ganze Welt steht mir offen, und genau das ist es, weshalb ich wie nie zuvor eine vollkommen einnehmende Lethargie verspüre. Ich will niemanden enttäuschen. Vor allem aber will ich mich nicht selbst enttäuschen, denn sind wir ehrlich, um glücklich und zufrieden zu sein, darf man nicht von sich selbst enttäuscht sein.

Ich habe immer gesagt, als ich dort am Bahnhof im schwarzen Mantel und diesem sehnsuchtserfüllten Folkpop in den Kopfhörern stand, dass ich Angst habe, in drei Jahren nicht mehr derselbe zu sein. Der Junge am Bahnhof hatte eine Idee, von der er bis in den kleinsten Nerv von überzeugt war. Nun ist davon nur noch ein kleines Teil von übrig, zu klein, um diese Idee nun drei Jahre später mit aller Macht zu verfolgen.
Ach, vielleicht ist das alles sehr verwirrend und vielleicht macht all das hier keinen Sinn. Inspirative Videos auf YouTube sagen mir, das Leben sei kurz, um der Vergangenheit immer noch einen allzu präsenten Platz im gegenwärtigen Leben einzuräumen, und dass man dem hinterher sein sollte, was einem am meisten bedeutet. Denn hey, stell dir vor du hast nur noch 12 Monate zu leben.
Jaja.
Was bedeutet mir am meisten?
Aber heißt es nicht eher: Was hat mir am meisten bedeutet? Wie lange hat es mir am meisten bedeutet? Was bedeutet mir heute am meisten, und was hat mir vor einem Jahr am meisten bedeutet?
Ein Chaos, Leute, ich sag’s euch.


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