Abgebrochene romananfänge, teil 2

Der Schaffner war bärtig, rundlich und trug eine dunkelblaue Schiefermütze mit Railroad-Aufdruck. Er hätte Gott sein können, er hätte ein großer Poet sein können, der sich wie Paterson für ein Leben im Befördern von Menschen entschieden hatte, er hätte eine mystische, in der Menschenform versteckende Figur des Nordens sein können, Qalupalik, Adlet, oder Keelut, stattdessen war er niemand. Seine Vergangenheit nicht von der Gegenwart zu unterscheiden. Keine Kinder, eine Frau war ihm vergönnt.

Von seinem Posten aus beobachtete er die Lehrlinge Jim, Joe, Max, Pete und Samantha beim Rauchen. Um diese Uhrzeit hätten sie normalerweise das Gepäck zuschnüren und in den Zug transportieren sollen. An diesem Novembertag jedoch erschien kein einziger Tourist und kein einziger Einheimischer. Üblich waren mindestens zehn, fünfzehn Personen, selbst an Tagen, die an Triste und Grau nicht zu übertreffen waren. Nicht einmal die vielgesehene Frau Hayes, aufgrund ihrer dauerhaften Anwesenheit so etwas wie eine Freundin, fuhr mit – sie verlängerte ihren Aufenthalt am Rande von Fairbanks um ein paar Tage. Damit vermied sie das selbst für diesen Ort ungewöhnlich dicke Glatteis auf den Straßen; im Radio berichteten sie von einem Unfall.

Kommt sicher keiner, fragte der Schaffner, Joe, der Rücksprache mit der Zentrale gehalten hat, sagte nein, dann los.

Gemächlich setzte sich der Zug in Bewegung. Funken sprühten über den in der Nacht erfrorenen Bremsen, die einzigen Lichter entlang der frühmorgendlichen Dunkelheit auf dem Weg zur ersten Station, nach Healy. In jeglichen Wintern hegte der Schaffner ein besonderes Mitleid für mitfahrende Touristen, wenn sie voller Aufregung und mit einer gewissen Anspannung, ob diese in Legenden zu Höherem erschaffene Zugfahrt die erwartete Erfüllung bringt, in der ersten Stunde nichts als Schwärze vorfanden. Umso faszinierter fiel nach dem Auftauchen von Tageslicht die Anspannung von den Gesichtern ab, sie pressten ihre Nasen an die kalten Panoramafenster und das erste von vielen Kameraklicken zog wie Vogelgezwitscher durch die Waggons; nur um gegen 15 Uhr von einer tiefergehenden Betrübtheit erfasst zu werden, nachdem sich die Landschaft in einem wenige Minuten dauerndem Schauspiel den Blicken entzogen hat. Wer die komplette Reise gebucht hatte, würde nun fünf weitere Stunden enttäuscht werden. Nicht wenige, mehr als der Menschenverstand es erlaubte, beschwerten sich daraufhin beim Schaffner.

Die Leere in den Waggons machte ihn zu schaffen. Ohne einen einzigen Gast in seiner Railroad war es, als sei ihm die Aufgabe entrissen worden, für einen angenehmen, möglichst freudvollen Aufenthalt zu sorgen.

Manchmal ließ er den Zug anhalten, wenn ihm einer seiner Gäste unter Tränen darum bat, die gottgleiche Landschaft nur für einen Augenblick länger genießen zu dürfen. Anstatt sich in betender Anmut in den Schnee oder das Gras fallen zu lassen, oder einen wahllos ausgesuchten Baum zu umarmen, rannten sie los, um die geeignete Perspektive für ihren Urlaubsfilm zu finden. Tauchte ein Hauch von Missmut darüber in den Gedanken des Schaffners auf, holte er aus denselben Tiefen ein Lächeln hervor, dass trotz allem die Freude sah, mit der die Mitfahrenden den jeweiligen Stopp auf ihre eigene, zugegeben oftmals sehr ähnliche Art und Weise verbrachten.

Manchmal spielte er auch Karten mit den Gästen, und sah es nach einem Sieg für ihn aus, fügte er Fehler in sein Spiel ein, sodass die Freude, nach dieser unerwarteten Wendung, für den Mitfahrenden umso größer war. Hin und wieder boten diese dann an, ein Bier auszugeben, woraufhin der Schaffner sanft begegnete, das Bier sei heute kostenfrei. Aber sagen Sie es nicht den anderen.

Und manchmal, wenn der lange Atem, den die zehnstündige Fahrt erforderte, in Ungeduld umschlug, schloss er ein Gerät an, dass die Sternenpracht des alaskanischen Himmels ins Waggoninnere holte. Kinderaugen leuchteten, Erwachsene warfen einander Blicke der Mäßigung zu. Wie im Rausch tuckerte die Railroad den letzten Kilometern entgegen; bei Mondlicht schemenhafte Konturen der Flüsse, Seen und Berge, bei Finsternis ein schwarzes Loch, dass den nächsten Morgen umso strahlender erscheinen ließ, und dazwischen Menschen, die zufrieden waren.

Wessen Gesicht würde nun seine Zufriedenheit zur Schau stellen? Kein einziger, der in Fairbanks einstieg: ein merkwürdiger Tag. Jim, Joe, Max, Pete und Samantha, obwohl ihre Teilnahme noch frisch und unverblümt war, hatten sich bereits dieselbe starre Mimik eines alten Veteranen angeeignet, wie die des Schaffners, hinter der er sich zurückzog und im Normalfall Platz für die emotionalen Gesichtsausdrücke des Gastes schuf. Da das Starre gelegentlich mit Gram verwechselt wurde, begegnete man der Hilfe des Schaffners nicht ausschließlich mit Dankbarkeit. Dabei war diese Mimik allgegenwärtig im Land des Echos, ein Widerhall vergangener Zeiten, dessen Anstrengung sich jedoch niemals legen würde. Das Leben hatte sich an die Härte gewöhnt, der hier einst gebietet wurde, sich zu entfalten, und seitdem bis in alle Ewigkeit fortwähren wird.

Mit müden Augen betrachtete der Schaffner einen roten Punkt hinter den jetzt dunkelgrauen Wäldern. Durch die Wiederholung des Anblicks an jedem Morgen fühlte er sich oftmals in einem meditativen Zustand versetzt, wenn sich die morgendliche Sonnenröte in Fransen an die umliegenden Wolken warf. Jedoch nicht heute, die Unruhe, wie bei einem Kind, das nichts mit sich anzufangen weiß, überwog im Angesicht der freien Sitzplätze. Das arme, ungenutzte Panorama; das Full-Combo-Breakfast, das in der Bordküche in seinen Einzelteilen bestehen blieb; all die ventillose Güte in seinem Inneren. Und womöglich ein weiterer Tag, an dem ihm diese eine Frage nicht gestellt werden würde, nach dessen Beantwortung er sich in all den Jahren sehnte: die Frage, wie der Schaffner denn mit Namen heiße.

Es schien, je moderner eine Zeit, desto verklungener die Manieren. Oder woran lag es, dass sich niemand für seinen Namen interessierte? Sicherlich wurde dem Erlebnis, der Landschaft und dem Land eine höhere Wichtigkeit zugesprochen, mit Namen und euphorischen Ausflüchen bedacht zu werden, als dem unbedeutenden Helferlein, von dem ein Agieren im Hintergrund erwartet wurde, um lediglich bei Notfällen aus dem Schatten heraus und in die Besänftigung des Reisenden hineinzuspringen.

Hoffentlich würde ein Gast in Healy zusteigen, dachte er sich. Bei gerade einmal eintausend Einwohnern war dieser Stopp kein Garant für großzügigen Zulauf; vier Altbekannte stiegen hier lediglich jedes Jahr im Frühling zu, um zu ihrem Sommerjob nach Talkeetna zu reisen, entweder zum Nagley’s Souvenirshop oder dem danebenliegenden West Rib, dem bei einheimischen Truckern auf Durchreise und von Touristen verehrten Pub. Auch das Sommertreiben jener, die im Denali National Park in Hotels und Gastronomie beschäftigt waren, kam im November zum Erliegen.

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