Was ist Freiheit?

Als ich gefragt wurde, was ich unter Freiheit verstehe, sagte ich instinktiv, dass Freiheit für mich in erster Linie ein state of mind ist, ein Status meines Bewusstseins, der mir erlaubt, der inneren und äußeren Welt kritisch zu begegnen, also das zu reflektieren, was von außen auf mich einwirkt, und das, was mich von innen heraus beschäftigt. Diese Fähigkeit ist ein Startschuss, sich selbst zu finden, aber nicht als Suche, sondern als aktives Einfordern eines intensiven Alltags, der mich von morgens bis abends glücklich und zufrieden machen kann. Mit diesen ersten Gedanken zur Frage, was Freiheit für mich bedeutet, war ich auf dem richtigen Weg.

Lange dachte ich, draußen zu sein, in der Natur, sei Freiheit für mich. Zu wandern, aufzusteigen, endlose Weiten zu überblicken. Es ist ein Loslassen von dem Menschen, der ich in der Stadt bin, und auch wenn das ein Freiheitsgefühl naheliegt, geht es tiefer, Freiheit tut dem nicht genüge; davor ist noch etwas. Ich bin draußen, aber im Grunde: draußen bin ich. Nichts ist von Bedeutung, wenn ich draußen bin, ich werde auf das Wesentliche reduziert: ein Körper, der über Stein und Wiesen läuft, etwas Anstrengung, etwas Überlebensinstinkt, im Einklang mit den Wetterverhältnissen, Bäumen und Tieren in den Bergen und Wäldern. Heidegger nannte das die Eigentlichkeit, ein intensiviertes Daseinsgefühl. Das muss gesucht und erlebt werden; aber Freiheit sollte nichts sein, das erst gesucht und gefunden werden muss, oder?

Hannah Arendt, kurzzeitige Geliebte Heideggers, schrieb in ihrer Lektüre über den Freiheitsbegriff, dass es eine negative Freiheit gibt, das ist die Freiheit gegen Unterdrückung. Und dass es eine positive Freiheit gibt, das ist die Freiheit zur Partizipation, also zur Mitbestimmung in einem gesellschaftlichen Gefüge. Man kann es auch aus heutiger Sicht Teilhabe nennen. Für mich waren diese beiden Definition von meiner Geburt an gegeben, ich bin ein weißer Westeuropäer mit blauen Augen und blonden Haaren. Also musste ein anderer Freiheitsbegriff her, der sich in meinen Zwanzigern herauskristallisierte, als ich begann zu hinterfragen, wer ich bin, wofür ich stehe, und wie ich auf die äußere Welt reagieren möchte, statt mich unreflektiert von ihr einnehmen zu lassen.

Denn das geht schnell. Ich würde sogar sagen, dass ist der Normalzustand, das eingenommene Ich. In Ausnahmefällen wird einem Kind von früh an beigebracht, dass es diese wundervolle Gabe besitzt, etwas Einzigartiges zu sein, und damit meine ich nicht etwas Besonderes, sondern lediglich ein Mensch, der sein Ich, und damit seine Gedanken, unter Kontrolle hat. Ein Mensch, der das Steuer für seine Gedanken in den Händen hält und kritisch Inneres reflektiert, also Erfahrungen, und Äußeres, also Gegebenheiten, Dinge, wie sie „schon immer waren“ und neu auftauchende Strömungen und Meinungen filtert und nur das davon nimmt, was ihm nützt.

Im Idealfall entspringt dieser Nutzen dem, was einen guten Menschen ausmachen sollte. Was macht einen guten Menschen aus? Schlichtweg die Einsicht, dass er ein Lebewesen auf der Erde ist, aus der Erde kommt und wieder zur Erde wird. Alles weitere ergibt sich aus dieser Einsicht. Nur ein Lebewesen, organisch zusammengesetzt wie jeder Baum und jedes Tier da draußen, aus Erde, Luft, Wasser und Feuer. Das mag auch der Ursprung sein, warum ich mich da draußen in der Natur am wohlsten fühle, dort, wo ich diese Verbindung mit Erde, mit Wind und Regen und Temperatur eingehe. Es bedeutet ja lediglich nur, dass ich mich darauf besinne, woher ich komme und was ich bin, und diese Wiederverbindung mit dem Ursprünglichen, Organischen, kann etwas freisetzen im Körper und in den Gedanken, dass der Stadtmensch längst vergessen hat. Wir glauben, Eigentum und Häuser, Straßen und Lärm, Bürogebäude und Bars und Alkohol und Videospiele und Geld und all diese Dinge sind der Grund, warum wir hier sind, und sie sind der Grund, warum wir so sind, wie wir sind. Und warum wir uns so wichtig nehmen und über alles stellen, über die Natur, über die Tiere, ja selbst über andere Menschen, weshalb auch Arendts Freiheitsbegriff leider immer noch Geltung hat in vielen Teilen der Erde, in vielen Gesellschaften.

Das Problem ist in erster Linie, dass wir unser Bewusstsein überbewerten. Ja, wir sind ein Staubkorn auf einem schwebenden Ball im Weltraum, und wir nehmen uns so verdammt ernst, weil wir denken können.

Denken zu können ist Freiheit, aber in den meisten Fällen schränkt es uns ein – es schränkt unsere Zufriedenheit ein. Wir sind nur unglücklich, weil wir denken, zu viel denken, überdenken, an die Vergangenheit denken, die im Jetzt doch gar nicht existiert, und an die Zukunft denken, die auch im Jetzt, in diesem Moment, nicht existiert. Alles Gedankenspiele, die uns einnehmen und verwirren. Ich sitze gerade auf einer Couch, höre Musik, eine Kerze brennt, an der Fensterschreibe hängt eine Lichterkette, es ist kalt und dunkel draußen. Nichts anderes existiert in diesem Augenblick.

In den letzten Jahren habe ich geübt, bewusst zu denken. Ich bin nicht meine Gedanken, denn Gedanken sind häufig instinktiv, animalisch, aber wenn ich etwas denke, und mich dann frage, woher dieser Gedanke kommt, aus welcher Motivation oder Emotion heraus, dann kann ich den Gedanken entweder einfach wegschieben, wenn er mich unglücklich macht, oder festhalten, wenn er mich inspiriert. Daraus entstehen meine Texte, damit beginnt das Schreiben: mit einem Gedanken, der mich inspiriert. Wenn ich alles durchfließen lasse und mir alles zu Herzen nehme, anstatt die Gedanken anzuhalten wie Züge, in die ich kurzzeitig bewusst ein- und wieder aussteige, dann bin ich geprägt von allem da draußen, nur nicht von mir selbst. Wenn ich die Vergangenheit nicht ändern und die Zukunft nicht mit Sicherheit beeinflussen kann, dann muss ich doch wenigstens im Hier und Jetzt die Macht darüber haben, was ich denke, und was diese Gedanken mit mir machen sollen, nicht wahr?

Also was ist Freiheit? Denken zu können, wie man möchte. Und dann nach jenen Gedanken zu handeln, die uns inspirieren. Hannah Arendt sagte auch, eine der erstaunlichsten Fähigkeiten ist es, jederzeit etwas anfangen zu können. Und das ist einer dieser Gedanken, die mich inspirieren, zwar habe ich ihn nicht selbst erdacht, aber nach dem Lesen begann er, sich in mir festzusetzen, und ich dachte daran, dass ich nicht nur im übertragenden Sinne von dieser zur nächsten Minute etwas Neues anfangen kann, oder mit einer Gewohnheit aufhören kann. Ich kann morgen ein anderer Mensch sein als der ich heute bin. Ich kann morgen einen Tag erleben, der sich in allen Bereichen von dem heutigen Tag unterscheidet. Ich muss nicht dasselbe machen, was ich an jedem Morgen mache. Ich muss nicht dasselbe machen, was ich an jedem Wochentag mache. Ich muss nicht das selbe tragen und das selbe sagen und das selbe denken und über das selbe verzweifeln und von denselben Dingen beeinflusst werden.

Ich kann gleich den Laptop schließen und anfangen.

Das muss Freiheit sein.

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