Das erste Mal, das mir ein Vulkan unter die Augen kam. Kein aktiver, einer, der seit 130 Jahren nicht mehr ausgebrochen war, was der Faszination jedoch nicht entgegenwirkte, sie eher verstärkte, denn hier überragt ein Vulkan die Landschaft, der seit vielen Menschenleben ruht, und wann wird er wieder ausbrechen? Aus der Ferne, zwischen ihm und mir der zweitgrößte See Chiles und eine dünne Wand herbstlich gefärbter Sträucher, sieht er wie ein fremder Planet aus. Ein unmöglich zu erreichender Ort, wie eine Fata Morgana am Rand der Welt, gleichwohl auch der Rand der Welt eine Einbildung ist, da der Horizont ein Ende suggeriert, das keines ist. Eine blaue Linie, davor das gemächlich dahinsiedende Seewasser, dahinter etwas, das sich unserem Blick entzieht, abgesehen von dieser mächtigen Statue aus Erde und dem, was sich in der Erde befunden hat, einst unendlich heißes, flüssiges, brodelndes Lava. Gebannt verliert sich mein Blick an seiner Form, mit seiner weißen Spitze und den gleichmäßig abfallenden Hängen könnte er ein Kunstwerk sein, oder auch aus der Feder eines Autors stammen, der sich vornahm, einen vollendeten Vulkan zu beschreiben. Während vom See eine angenehme, aber kälter werdende Frische herweht und die Sonne ihr heutiges Ableben ankündigt, ziehen rosafarbene Wolken vorbei. Für einige Momente ist der Vulkan nicht mehr sichtbar, man könnte meinen, er habe sich durch eine enge Freundschaft mit den Wolken den neugierigen Blicken der Menschen entzogen. Dann aber lichtet es sich wieder – seine Pracht ist jetzt um eine Farbe reicher geworden, das Rosa der Wolken hat sich in dezenter Montur auf seine Tiefen und Lichter gelegt, auf das Lavagestein und den Schnee. Die Pause hinter den Wolken muss er genutzt haben, um sich umzuziehen?! Eine schöne Geste. Ich bedanke mich für diese Chance, den Vulkan in seiner Abendkleidung sehen zu dürfen, und bedanke mich für das Abenteuer, das mir der Anblick schenkt, wohlwissend, im Nachklang diesen Tages etliche, vor Faszination überschäumende Gefühle für dieses Erlebnis zu entwickeln.

19_Puerto Varas_klein_JK.jpg
Der Vulkan Osorno aus der Ferne, in Puerto Varas, Chile. (c) Jim Kopf

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

3 Kommentare

  1. das ist unglaublich schön ❤ ich habe vor einigen jahren den ätna bestiegen und pompeji besucht, das war für mich auch eine sehr spannende und tolle erfahrung. vulkane sind schon etwas ganz besonderes.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.