Leere

Was geschieht mit dir, wenn die Natur aus Leere besteht, ausschließlich aus einem Boden und einem Himmel? Eine Frage, die ich dir noch nie gestellt habe. Mir selbst auch nicht, ich bin nichtmals auf die Idee gekommen, diese Frage zu formulieren. Ziemlich sicher bin ich mir, dass sich dies auf die Nicht-Leere der Großstadt zurückführen lässt, wo auf ein Haus ein weiteres Haus folgt, auf ein Auto ein weiteres Auto, auf einen Menschen ein weiterer Mensch. Auf Industrieanlagen folgen Bürogebäude, auf Supermärkte folgen Tankstellen, auf Reihenhäuser folgen Mehrfamilienhäuser, auf Staus folgen Ampeln, Stoppschilder, Zebrastreifen und Kreisverkehre. Ein Mensch, der zur Arbeit fährt, wird von einem Menschen überholt, der auf demselben Weg ist, es nur eiliger hat. Ein Mensch, der eine Wohnung besitzt, wird überboten von einem Menschen, der ein Haus besitzt, und einer, der einen großen Fernseher besitzt, wird überboten von einem Freund, der gerade eben den größten erhältlichen Fernseher gekauft hat. Im Lokal klirren Bierflaschen aneinander, Gläser, Gespräche. Im Restaurant reihen sich Weinflaschen aneinander, Holzstühle, Fleischpaletten, um den Tisch herum Köpfe. Darin ist Chaos, niemals ist einer dieser Köpfe leer. Wie ist die Arbeit, wie ist dein Auto, wie ist dein Haus. Wie war der Supermarkt, wie war der Benzinpreis, wie war der Stau. Heut Abend im Pub? Heut Abend vor dem Fernseher? Heut Abend bin ich zu müde, morgen bestimmt. Selbst Müdigkeit ist Fülle im Kopf, von den Konstruktionen, Räumen und Produkten. Von Familien, Freunden, Bekannten, Kollegen und jenen, von denen man mal gehört hat. Das Leben in der Großstadt, es besitzt so wahnsinnig viel, nur eines besitzt es nicht. Leere.

In Uyuni war die Salzwüste und der Himmel. Mit etwas Anstrengung im Sehnerv erkannte man Vulkane am Horizont. Doch hier war auf tausenden Quadratkilometern nichts. Keine Konstruktion, kein Raum, kein Produkt, auch keine Hügel, wenn man in eine bestimmte Richtung schaute. Leere in reiner Form, nämlich im Formlosen, das aus nichts weiterem als einem Oben und einem Unten besteht. Also, was geschieht dann mit dir, wenn man sich im Formlosen befindet?

Vorerst, und das ist etwas traurig, nichts. Auf einem Abenteuer bleibt dir fast immer das Einatmen des Besonderen und das Verleihen eines ganz bestimmten Gefühls versagt. Stattdessen: Oh, eine Mondlandschaft, oh, ist das unglaublich. Im Inneren aber ist nichts unglaublich, es geschieht nichts. Ein Auge und Worte, abgetrennt von den Gefühlen.

Das war nicht die Pointe, die du erwartet hast, nicht wahr? Und doch kann etwas geschehen, nur später, etwas, was mir jetzt in diesem Moment widerfährt, einen Tag nach dem Abenteuer, in einem kalten Hostelzimmer, während ich schreibe, und das sind Tränen. Ich schaue auf das Bild zur Linken, in dem sich das Formlose in blau und weiß zeigt, und denke beim Schreiben an die unzähligen Formen des Stadtlebens. Meine Tränen zeugen von einem ungerechten Verhältnis, das mir bewusst wird, dass in der Stadt zu wenig Leere, dafür zu viel Form herrscht, um – um anders zu sein. Um ein Leben zu führen, das eigen ist, und das als ein eigenes Leben anerkannt werden kann. In der Salzwüste, der Leere, ist nichts bestimmt, während in der Stadt das Leben bestimmt wird, von den Gebäuden, Straßen und Menschen. Und jetzt weiß ich doch ganz genau, was geschieht, wenn man sich im Formlosen befindet, oder befunden hat: Die Chance, sich der Formen, und damit all der Bestimmungen, bewusst zu werden, und zu fühlen, ob du dich darin wohl fühlst, oder ob dich nach etwas mehr Leere sehnst, so sehr, dass dir die Tränen kommen.

22_Salar de Uyuni Klein.jpg
(c) Jim Kopf

Geschrieben von Jim Kopf

Ich bin jung und sitze im Zug. Ich fühle, beobachte und schreibe. Ich bin immer unterwegs. Komm' und setz' dich neben mich!

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