Ist es nicht ein glückliches Landschaftsbild, das sich hier bietet, an dieser unbestimmten Stelle am Rande eines unbestimmten Abzweiges entlang der berühmten Ruta de los siete lagos in Argentinien? Pflanzen leuchten, Äste glänzen, die Sonne scheint in angenehm gedämmtem Licht. Etwas Warmes öffnet sich hier, und es schüttet ein genüssliches Ambiente aus. Schönheit, das ist es, was sich hier öffnet. Der Genuss gesellt sich wie ein Freund dazu, wenngleich ein selten gesehener Gast, von dem man weiß, dass er existiert, ihn aber ständig vergisst, als stünde eine unsichtbare Wand zwischen der Schönheit und der Fähigkeit, sie zu genießen. Denn ist es nicht so, dass sich Schönheit in vollem Glanze eher entfalten kann, wenn man ihr eine Portion Genuss zusteht? Mit Zutaten wie: geschlossene Augen, ein leicht geöffneter Mund, Falten im Augen- und Mundwinkel, entspannt und dezent rosafarbene Wangen, und fertig ist die vor Genuss strotzende Mixtur in unserem Antlitz. Unter der Haut vollzieht sich im selben Moment ein Wandel, direkt unter den nun genießenden Lidern fließt Glück in unsere Synapsen, in seichten, warmen Zügen. Was wohl unter der Haut der Natur vor sich geht? Geschieht dort ähnliches, ein Wandel, nur umgekehrt, vom Glück in die Spitzen der Natur, in seine filigranen Sträucher, grünen Bäume, spitzen Felsen, um sich an diesem Rand zu öffnen und etwas Warmes freizulassen, das wir als Schönheit wahrnehmen und mit einer kleinen Anstrengung zu Genuss vollenden? Dies würde bedeuten, dass das Glück im Kern der Natur steckt, vor allem im Kern einer solchen Landschaft. Oder ist es gar der Kern? Das Zentrum, von dem alles Natürliche ausgeht? Mein Gefühl sagt mir, es könne so sein, jedoch mag es an eine Bedingung geknüpft sein, die da wäre, dass der Mensch das Natürliche zu schätzen weiß und sich die Zeit nimmt, Schönheit, Genuss und letztendlich auch das Fundament des Einklangs zwischen Natur und Mensch, Achtsamkeit, entfalten zu lassen, sich aktiv damit beschäftigt, Wertschätzung in Augen-, Mund- und Wangenpartien auszudrücken und mit Worten, Taten und Herzblut dem Kern des Natürlichen die Wärme zurückzugeben, die es brauch, um gesund zu bleiben und Landschaften wie diese mit Fruchtbarkeit auszustatten, damit sie sich so formt und sich uns öffnet, wie sie es an unbestimmten Stellen auf dieser Welt in kunstvollster Manier hervorbringt. Es liegt an uns, sie zu schützen. Wahrnehmung, Genuss, Wertschätzung und Achtsamkeit, das sind die Säulen, damit das Warme und Schöne nie erlischt und uns für alle Zeiten mit Glück versehen kann.

20_San Martin de los Andens Klein.jpg
(c) Jim Kopf

Geschrieben von Jim Kopf

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4 Kommentare

  1. ja, wunderschön und ich konnte gerade tatsächlich die Schönheit dieses Textes genießen 🙂
    diese Wand, von der du sprichst, allerdings kenne ich, und wenn sie denn da ist, zum Glück ist sie das nicht oft, macht mich das traurig und ich suche den Schlüssel oder überhaupt die Tür. seltsames Phänomen. wie auch immer, ein toller Text ist das!

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    1. ahh das ist wirklich schön zu wissen! ja, du sagst es, meist ist nicht einmal der Schlüssel dafür in Reichweite, sondern man sucht überhaupt erst einmal die Tür, um zu erfahren, dass überhaupt mehr Genuss im Augenblick versteckt ist 🙂

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